Wohnen im Alter

Aus Living Lab AAL
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In den letzten Jahren haben sich Wohnformen für ältere Menschen erheblich ausgeweitet. Neben den Möglichkeiten, im Alter zu Hause zu bleiben oder in ein Heim oder eine Seniorenwohnung zu ziehen, sind zahlreiche weitere Wohnalternativen hinzugekommen.

Individuelles Wohnen

Ganz allgemein kann gesagt werden, dass dem Wohnen im Leben älterer Menschen eine größere Wichtigkeit zukommt, als bei jungen Menschen. Es ist der Wunsch vieler älterer Menschen, so lange wie möglich in ihrem ursprünglichen Zuhause zu wohnen - kein Heim, kein betreutes Wohnen, keine Hilfe[1]. Manche schaffen es auch relativ lange, in ihrem "eigenen vier Wänden" zu bleiben - dies inkludiert sowohl Häuser als auch Wohnungen als Eigentum oder in Miete. Grundvoraussetzung sind ausreichende Mobilität (beziehungsweise entsprechende Barrierefreiheit des Wohnumfelds) und Selbständigkeit. Schwächen in diesen beiden Bereichen können durch Technologien teilweise kompensiert werden:

  • besteht akute Sturzgefahr können Sensoren getragen oder installiert werden, die in entsprechenden Notfällen für Hilfe sorgen.
  • weniger aufwändige Tätigkeiten können über Nachbarschaftsportale organisiert werden - z.B. Rasenmähen, Einkäufe, Fahrtendienste.
  • bei fortlaufend zu überprüfenden Gesundheitsdaten wie Blutzucker, -druck oder Gewicht können vernetzte Geräte zum Einsatz kommen, die aktuelle Messwerte an Fachpersonal weiterleiten.

Mögliche Unterstützung durch Pflegekräfte können von wenigen Stunden pro Woche oder einzelnen Services bis zu 24-Stunden Betreuung reichen.

Betreutes Wohnen

Im Betreuten Wohnen oder im Service-Wohnen werden eine altersgerechte Wohnsituation (z.B. Barrierefreiheit) und konkrete Betreuungsleistungen miteinander kombiniert.[2] Die Norm ÖNORM CEN/TS 16118 definiert neben der Barrierefreiheit der Wohnungsumgebung und der Anwesenheit einer Betreuungsperson über eine bestimmte Anzahl an Wochenstunden auch deren Tätigkeiten.[3] Zu den Tätigkeiten zählen z.B. Information, Beratung und Unterstützung bei organisatorischen Angelegenheiten, Gestaltung gemeinsamer Freizeitaktivitäten, Aktivierung als Vorsorge der Gesundheit oder Abwesenheitsdienst. Häufig werden von einem Sozialdienstleister Wohnungen in einem Wohnkomplex gemietet oder gekauft und eine Grundversorgung angeboten, für die monatlich eine so genannte Pflegepauschale gezahlt wird. Zur Grundversorgung gehören üblicherweise Beratungsdienste sowie ein ständig verfügbarer Notruf. Darüber hinaus werden je nach Bedarf Pflegedienste, Reinigungsdienste und Mahlzeiten angeboten. Auch Beratung zu technischen Hilfen können von Sozialdienstleistern vermittelt werden.

Die moderne Gebäudetechnik bzw. Smart Home Technologien ist ein zentraler Bestandteil im betreuten Wohnen. So erhöhen etwa vernetzte Rauchwarnmelder, Wassermelder oder Gasmelder ebenfalls die Sicherheit. Eine automatische Regelung, z.B. von Beleuchtung, Beschattung, Heizung, und Steuerung, z.B. von Türen, Türschlössern, Wasserzuläufen, oder einfach nur die Fernsteuerung von all diesen Gewerken erhöht sowohl die Sicherheit als auch den Komfort. Elektrische Einbaugeräte, wie z.B. Herd und Ofen, oder Steckdosen, an denen Elektrogeräte wie z.B. Bügeleisen oder Wärmestrahler hängen, können automatisch abgeschaltet werden, sobald die Person die Wohnung verlässt. Videotürsprechstellen, die auf ein Smartphone aufschaltbar sind, ermöglichen auch weniger mobilen Menschen eine rechtzeitige Reaktion auf die Betätigung der Türklingel.

Care Farming

Die Bereitstellung sozialer Angebote auf landwirtschaftlichen Betrieben wird als „Soziale Landwirtschaft“, „Green Care“, „Farming for Health“ oder „Care Farming“ bezeichnet. Hier nehmen Bauernfamilien u.a. ältere Menschen auf, welche ihren Lebensabend in einer Landwirtschaft verbringen möchten oder sie bieten Ferien- und Entlastungsplätze an. Eine Literaturrecherche im Rahmen des Projekts ‚Green Care - Wo Stadtmenschen aufblühen’ zeigte, dass hier das breite Angebot an sinnvollen Aktivitäten, die damit verbundenen sozialen Kontakte und die Authentizität von Care Farming eine positive Wirkung auf psychisches, mentales und soziales Wohlbefinden, auf mehr Selbstwertgefühl, eine bessere Stimmung und generell die Lebensqualität haben.[4] Care Farming Angebote betonen in ihren sozialen Betreuungsleistungen die Besonderheit eines landwirtschaftlichen Settings. Oft werden in diesem Zusammenhang auch Gartentherapie, tiergestützte Therapie, heilende Gärten genannt.[5]

Dieses Wohnkonzept scheint zunächst im Widerspruch zum Einsatz von Assistenztechnologien zu stehen, steht hier doch die Beziehung zur Natur im Vordergrund. Um den Bezug zur Natur möglichst lange aufrechtzuerhalten, helfen aber neben der Agrartechnik, Technologien die körperliche Beeinträchtigungen kompensieren (z.B. Exoskelett), räumliche Navigation unterstützen (z.B. Positionsbestimmung und Abruf von Geoinformation) oder Notrufsystem mit automatischer Sturzerkennung bei erhöhter Sturzgefahr.

Seniorenwohngemeinschaften

Gemeinschaftlich bauen, wohnen und leben. Die jüngeren Alten können sich für den letzten Lebensabschnitt alternative Wohnformen mit einem Höchstmaß an individuellem Gestaltungs- und Wohnspielraum vorstellen. Besonders wenn die eigene, aktuelle Wohnform nach dem Auszug der Kinder und möglichen körperlichen Beeinträchtigungen, nicht mehr der einstigen Idealform der Immobilien oder Wohnung entspricht. Das Zusammenleben in Senioren-Wohngemeinschaften kann für viele ältere Menschen eine attraktive Vorstellung sein. Die meist noch rüstigen Senioren profitieren vom vertrauten geselligen Miteinander, einer gegenseitigen privaten Unterstützung und die Bündelung von Ressourcen aller in Gemeinschaft Wohnenden. Senioren-Wohngemeinschaften können sich auf einzelne Wohnungen in einer Stadt oder dem Dorf beziehen oder werden in Gemeinschaft als große Wohnanlagen oder gar Dörfer geplant und gebaut. Klare Definitionen oder Altersbegrenzungen gibt es nicht. In einem gemeinsamen Haus teilt sich die Gemeinschaft zentrale Räumlichkeiten, zum Beispiel eine große Küche, einen Wäscheraum und eine Gemeinschaftsraum und jede Person bzw. jedes Paar hat mindestens noch ein eigenes Zimmer.

Ein sehr bekanntes Beispiel aus Bremen, initiiert vom ehemaligen Bremer Oberbürgermeister Henning Scherf, der mit 50 Jahren gemeinsam mit seiner Frau und acht weiteren Freunden beschloss gemeinsam alt zu werden. Sie sind nun alle um die 80 und leben nun schon 30 Jahre in derselben Hausgemeinschaft. Sie wollten mitten in der Stadt wohnen und waren bereit ihre eigenen, viel zu großen Häuser bzw. Wohnungen aufzugeben. In dieser Senioren-Wohngemeinschaft hat es ein abgeschlossene kleine Wohnung für jeden Mieter, zwei Gäste Wohnungen und große Gemeinschaftsräume.

Technisch sind viele Senioren-Wohngemeinschaften auf dem neuesten Stand für altersgerechtes, barrierefreies Wohnen ausgestattet, da dies im alten Wohnfeld, gerade zu Beeinträchtigungen geführt hatte. Für einander dazusein und sich mit den täglich neuen Problemen eines jeden Einzelnen auseinander zusetzen ist die Grundvoraussetzung für ein Wohnen in Gemeinschaft im Alter. Eine Lebensgemeinschaft ohne Probleme, scheint es nicht zu geben und verlangt von jedem selbstständigen Seniorenmitbewohner ein hohes Maß an Gemeinschaftsorientierung, ganz anders als es möglicherweise früher in einer Studenten-WG der Fall war. Grundsätzlich zieht man aus einer Senioren-Wohngemeinschaft nicht so schnell aus, da man unter Umständen sich beim Bau finanziell mitbeteiligt hat.

Interessante Beispiele:

Alten- und Pflegeheime

Alten-, Alters-, Senioren- oder Pflegeheime beziehungsweise -residenzen sind Institutionen, die sich um das Wohl von Menschen kümmern, die nicht mehr selbständig wohnen können oder wollen. Professionelle Pflege und Betreuung stehen folglich im Vordergrund und rund um die Uhr zur Verfügung. Auch um Haushaltsarbeiten wie Raum- und Wäschereinigung und Ernährung sorgt sich die Institution sowie um die Ermöglichung sozialer Teilhabe, Aktivierung und Prävention. Die Begriffe Alten- und Pflegeheim werden oft synonym verwendet; allgemein anerkannte Klassifizierungen gibt es nicht, wohl aber regionale Unterschiede in der Verwendung dieser Begriffe. Gemeinsam ist ihnen die Organisationsform als Kollektivhaushalte. Dementsprechend ist das Wohnen in Alten- und Pflegeheimen eine Lebensform, die mit einem erheblichen Verlust an Selbständigkeit und Privatheit einhergeht (im Vergleich zum individuellen Wohnen). Die Institution bestimmt grundsätzlich den Tagesrhythmus, wobei Einrichtung unterschiedliche Freiheitsgrade in der individuellen Anpassung des Tagesablaufs gewähren. Der Wechsel in diese Wohnform ist in der Regel negativ besetzt und wird «so lange als möglich hinausgeschoben».[6] Für die Schweiz ist der aktuelle Trend trotz doppelter Alterung rückläufig. Diese Entwicklung ist auf den Ausbau ambulanter Strukturen (Stichwort «ambulant vor stationär») seit den 1990er, verstärkt seit 2000, zurückzuführen. Resultat dieser Entwicklung ist, dass Menschen heute im höheren Alter in Alten- und Pflegeheime eintreten und dort weniger lang oder nur vorübergehend (z.B. nach einer Operation) weilen.[6]

Demenz WG

Eine spezielle Form des Wohnens bieten Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz. Eine ambulant betreute Wohngruppe unterscheidet ganz grundsätzlich vom Leben in einem Pflegeheim. Jeder Bewohner mietet sich privat in diese Wohnung ein und lebt somit in seinem eigenen privaten Wohnumfeld mit weiteren privaten Mietern. Teilweise werden solche Wohngemeinschaften von einzelnen Angehörigen oder Selbsthilfegruppen selbstorganisiert, teilweise auch von Trägern. Die Pflegeleistungen werden dann von beauftragten Pflegediensten in der Gemeinschaftswohnung gegen Bezahlung erbracht. Die Erkrankten mieten ihren persönlichen Wohnraum und die anteiligen Gemeinschaftsräume. Sie selbst haben das Hausrecht und die Schlüsselgewalt, können Besuch empfangen, gehen und kommen wann sie wollen, so wie zuhause. Die Gemeinschaft entscheidet wer als WG-Mitglied aufgenommen wird und wie die Wohngemeinschaft eingerichtet wird. Es werden Verträge mit einem Pflegedienst abgeschlossen, der die 24/7 Betreuung übernimmt. Hausschaftliche Mitarbeiterinnen werden über die Gemeinschaft angestellt. Menschen mit Demenz können in der Regel bis zum Tod in der Wohngemeinschaft leben.

Demenzdörfer

Ganze Dorfgemeinschaften, Kommunen und Gemeinderäte spalten sich in das eine oder andere Lager. Dürfen demente Menschen einfach in ein künstliches Dorf eingesperrt werden? Wird es für unsere Kinder nicht gefährlich wenn plötzlich soviele Menschen mit Demenz in unserer Nähe leben? Haben nicht auch ältere demente Menschen ein Recht, sich frei in einem beschützten Rahmen zu bewegen? Isolation oder maximal mögliche Freiheit? Diese und ähnliche Fragen werden öffentlich bei Bürgerversammlungen und in der Presse diskutiert, als es um den Antrag der Diakonie Lindau (Bayern/D) ging, ein Dorf für demente Menschen auf einem 2 Hektar großen Gelände zu bauen.

Die harschen Vorwürfe, dass demenzkranken Menschen in Demenzdörfen eine Realität vorgegaukelt werde oder sie „weggesperrt“ werden, ignorieren die Realität des Pflegealltags in Heimen respektive der Betreuung zu Hause: Angehörige, die den Erkrankten tagelang suchen müssen, Pflegeheime, die keine Demenzstationen haben, verhaltensauffällige Bewohner ruhig stellen und auch sonst von einer adäquaten Betreuung weit entfernt sind.

Erfahrungsberichten zufolge sind die „Einwohner“ von „De Hogeweyk“ dem ersten Modell Demenzdorf in den Niederlanden oder dem Demenzdorf in Hameln weitaus ruhiger und weniger depressiv als in regulären Betreuungseinrichtungen. Das zeigt sich auch im Vergleich der Gabe von Beruhigungsmitteln oder Antidepressiva. Und so bewahrheitet sich auch hier: allen Menschen Recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann.

Jüngere Entwicklungen

Seit einigen Jahren findet in der Heimlandschaft ein Paradigmenwechsel statt, der sich neben der Neuorientierung zu Ressourcen (statt Defizite) und Bedarf (statt Angebot) durch die Öffnung der Institutionen zum Quartier und interprofessioneller Zusammenarbeit kennzeichnet.[7] Vielfach sind diese Neuerungen zaghaft oder punktuell umgesetzt. Als strategische Neuausrichtung weisen sie aber deutlich darauf hin, dass die hier dargestellte Unterteilung unterschiedlicher Wohn- und Lebensformen im Alter aktuell im Begriff sich aufzuweichen.

Digitalisierung in Heimen

Digitale Technologien kommen im Gesundheits- und Sozialbereich, sowie in der Betreuung älterer Menschen bereits seit längerer Zeit in den verschiedensten Feldern zum Einsatz. Hierbei muss vor allem zwischen Anwendungen in Management- und Versorgungsprozessen, etwa innerhalb von Gesunsheitsorganisationen oder zwischen einzelnen Organisationen einerseits, und Anwendungen im direkten Austausch mit Bewohner*innen/Klient*innen andererseits unterscheiden werden. Auf der organisatorischen Ebene werden digitale Anwendungen für die Pflegedokumentation, sowie im Management von Arbeitsabläufen eingesetzt. Direkt in Kontakt mit Technologien treten die Bewohner*innen von Pflegeheimen jedoch seltener und oftmals auch unbewusst. So nutzen einige Heime bereits Smart Home Technologien um den Alltagskomfort ihrer Bewohner*innen zu erhöhen oder AAL-Technologien um Älteren Menschen, die noch nicht pflegebedürftig sind, ein selbstbestimmteres Leben, etwa in Seniorenwohngemeinschaften oder im betreuten Wohnen zu ermöglichen. Vereinzelt werden auch schon erste Projekte mit pflegeunterstützender Robotik in Pflegeheimen durchgeführt.

Einzelnachweise

  1. Ihlenfeldt, D. (2006). Neues Wohnen im Alter: Analyse und Systematisierung möglicher Wohnformen in der Nachberufs- bzw. Nachfamilienphase. Pädagogik.
  2. Boggatz, T. (2019). Betreutes Wohnen: Perspektiven Zur Lebensgestaltung Bei Bewohnern und Betreuungspersonen. Springer-Verlag.
  3. Lutz, M., Eichinger, W., & Hastedt, I. (2012). Betreutes Wohnen für Senioren-die ÖNORM CEN/TS 16118. Praxiskommentar. Wien: Austrian Standards plus Publishing.
  4. Haubendorfer, D., Demattio, L. & Geber, S. (2012). Wirkung und Nutzen von Green Care: Eine Recherche und Analyse fachbezogener Artikel. LFI Wien.
  5. Hassink, J., Hulsink, W., & Grin, J. (2014). Farming with care: the evolution of care farming in the Netherlands. NJAS-Wageningen Journal of Life Sciences, 68, 1-11.
  6. 6,0 6,1 Höpflinger, F., Hugentobler, V. & Spini, D. (2019). Wohnen in den späten Lebensjahren: Grundlagen und regionale Unterschiede. Age Report IV. Zürich: Seismo, S. 52 download
  7. Curaviva: Sozialraumorientierung im Selbstverständnis von Curaviva Schweiz, https://www.curaviva.ch/Im-Fokus/Sozialraumorientierung/P0iDA (Zugriff: 3.6.2020)