Technikbarrieren

Aus Living Lab AAL
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Beziehen sich auf Hindernisse, die bei der Anwendung oder Installation von entsprechenden Technologien im Wohnumfeld auftreten können, ohne, dass die älteren Menschen etwas falsch gemacht haben. Es sind also rein technische Gebrechen damit gemeint. Im Vergleich dazu stehen die Benutzerbarrieren, die beim direkten Umgang mit den Nutzungsschnittstellen der Technologien auftreten und z.B. auf mangelnde Gebrauchstauglichkeit zurückzuführen sind.

Infrastruktur

Technikbarrieren der Infrastruktur beziehen sich meist auf fehlende Ausstattung der Wohnanlagen in den folgenden Bereichen.

Internet

Internetverbindungen sind für fast alle "smarten" Geräte (sei es aus der Hausautomation oder Vitalmessgeräte) notwendig. In vielen - insbesondere alten Einfamilienhäusern - gibt es allerdings keine Zugänge, da die dort lebenden Betagten bisher keine Verwendung dafür hatten (siehe auch „Digital divide“). Gerade in abgelegenen, ländlichen Gegenden ist dieses Risiko relativ hoch. Langsame beziehungsweise unzuverlässige Verbindungen (z.B. kabellose Varianten von Mobilfunkanbietern oder alte, unterdimensionierte Telefonleitungen) sind meistens nicht ausreichend.

WLAN

Sofern Internet im Wohnumfeld vorhanden ist werden bei Nachrüstungen gerne Funktechnologien verwendet, um Daten zu übertragen. Dicke Wände und große Häuser sind generell schlecht für den Empfang dieser Signale. Bei der Platzierung der Geräte sollte also der Empfang berücksichtigt werden. Eventuell können WLAN-Repeater zum Einsatz kommen, die das Signal in schlecht abgedeckten Räumen verstärken.

Hausbusse (KNX, DALI etc.)

Bei Neubauten wird bestenfalls die (wenn auch kostspielige) Installation eines solchen Bussystems berücksichtigt, da es eine sichere Übertragung der Schaltbefehle vereinfacht.

Sicherheit

Zum Stichwort "Sicherheit" lassen sich im Wesentlich drei Problemfelder definieren: Die Zuverlässigkeit und Ausfallsicherheit, die physikalische Sicherheit (Safety) und die Datensicherheit (Security).

Zuverlässigkeit und Ausfallsicherheit

Produkte, die nicht ausfallsicher sind, auf die man sich aber trotzdem verlässt, sind abzulehnen. Bei Geräten, die nicht über Kabel oder z.B. Photovoltaik mit Strom versorgt werden, steht irgendwann ein Batteriewechsel an, der nicht unbedingt angezeigt wird. Übertragungsnetze können überlastet sein und ausfallen.

Doch auch die Zuverlässigkeit der Produkte kann eine Technikbarriere darstellen. Fehlfunktionen der Systeme können auf fehlerhafte Messdaten der Sensoren, Fehler in der Software, Spannungsschwankungen und vieles mehr zurückzuführen sein. Fehlfunktionen können zu Fehlalarmen führen. Diese werfen generell ein schlechtes Bild auf die eingesetzten Technologien und sollten durch ausgiebige Testungen vorab verhindert werden[1]. Dabei unterscheidet man zwischen Fehlalarmen der Kategorie "False Negative" und "False Positive". False Negative bedeutet, dass ein Problem nicht erkannt wurde und kein Alarm ausgelöst wurde, obwohl es notwendig gewesen wäre. Bei False Positive wurde ein Alarm (oder Benachrichtigung etc) ausgelöst, obwohl kein Problem bestand. Fehlalarme vom Typ False Negative sind als besonders ernst anzusehen, da ein gesundheitliches Problem evtl. nicht erkannt wurde.

physikalische Sicherheit

Datensicherheit

"Intelligente" Systeme, die über das Internet oder andere Protokolle kommunizieren bieten eine digitale Angriffsfläche für Missbrauch. Bisweilen sind zwar kaum Fälle bekannt, in denen Produkte aus dem AAL-Sektor solchen Angriffen ausgesetzt wurden, ist aber ein zentraler Aspekt gerade weil es sich hier um empfindliche Bereiche und vertrauliche Daten (Gesundheit, Wohnen, ...) handelt. Mangelnde Datensicherheit ist eine gravierende Technikbarriere und muss von Anfang an in der Entwicklung von Sytemen, die Datenübertragung beinhalten, berücksichtigt werden. Eine rechtliche Rahmenbedingung ist mit der [Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO)] gegeben. Zu beachten sind dabei länderspezifische Ausprägungen. Datensicherheit bedeutet der Schutz der Daten vor Verlust, Manipulation und Missbrauch sowie vor Einsicht in die Daten durch Unbefugte.

In Deutschland waren mit Stand November 2019 rund 115.000 der circa 170.000 Arztpraxen an das Netz angeschlossen, 90% davon allerdings mit erheblichen Sicherheitslücken.[2]

Standards

Für die Vernetzung von Geräten gibt es unterschiedliche Standards. Dadurch wird eine Verwendung von Geräten unterschiedlicher Anbieter erschwert, da die Kommunikation zwischen den Komponenten nicht optimal funktioniert. Sind die Übertragungsprotokolle offen, das heißt nicht verschlüsselt, so ist Interoperabilität gewährleistet.

Open Source

Die Mehrzahl der auf dem Markt erhältlichen Systeme sind nicht [Open Source]. Bei Open Source-Software ist der Quellcode öffentlich einseh- und veränderbar. Dadurch kann die Software an spezielle Bedürfnisse angepasst werden. Entgegen der allgemeinen Meinung, leidet darunter nicht die Qualität der Software. Im Gegenteil, Open Sorce-Software wird ständig verbessert, da viele Fehler und Bugs durch viele Anwendende ausgemerzt werden.

Zugang zu den erfassten Daten

Meist handelt es sich bei den eingesetzten Systemen umd geschlossene Systeme, die nicht nur nicht Open Source sind, sondern auch den Zugang zu den eigentlichen Messdaten, die sogenannten Rohdaten, nicht erlauben. Nur die von der Softwarezur Verfügung gestellten Daten können von den Entwickler*innen eingesehn werde., Dies sind oft Mittel- Maximal oder Minimalwerte, aber nicht die zu Grunde liegenden Messwerte. Dies verhindert die Anpasung der Systeme an andere Bedingungen und Personalisierung oder die Verwendung solcher Systeme für den Einsatz in andere Kontexte.

Support

Eine weitere Barriere kann der Support seitens des Technologieanbieters sein. Support für AAL-Technologien ist bei der Auswahl der Technologien, bei der Installation, bei der Schulung von primären und sekundären Nutzenden und bei der Wartung der Syteme.

Endgeräte

Mit jedem Jahr werden Menschen mit Unterstützungsbedarf versierter im Umgang mit digitalen Geräten. Das liegt daran, dass im momentanen Berufsleben Computer fast nicht mehr wegzudenken sind, wodurch beinahe alle neuen Pensionisten schon Erfahrung in diesem Bereich mitbringen. Bei Menschen, die allerdings schon mehrere Jahrzente aus dem Berufsleben ausgestiegen sind, ist diese Selbstverständlichkeit nicht gegeben, es sollten daher einfach zu bedienende Geräte verwendet werden.

Dies spiegelt sich zum Beispiel in einer Umfrage der Versicherten der Kassenärztlichen Bundesvereinigung wieder, wo ein Großteil der älteren Befragten - möglicherweise aufgrund mangelnder technischer Ausstattung - eine Skepsis gegenüber der Videosprechstunde aufbringt.[3]

PC

Ist das Gerät, was noch am ehesten aus der Berufszeit bekannt sein könnte, allerdings waren das damals komplett andere Maschinen als heute. Aus Sicht der Gebrauchstauglichkeit ist der Umgang mit PCs eher schwierig zu erlernen und die enorme Vielfalt der Optionen führt eher zu Unsicherheiten.

Smartphones

Sind im Alltag der unter 65-Jährigen voll angekommen. Die recht kleinen Bildschirme stellen sich allerdings bei Sehbehinderungen als Hindernis dar. Touchbedienung ist bei altersbedingten Einschränkungen, die die Haptik oder Feinmotorik beeinträchtigen ebenfalls, kritisch zu betrachten. Abgesehen von Spezialsensorik eigenen sie sich aber für eine Vielzahl an AAL-Anwendungen hervorragend.

Smartwatches

viele Sturzsensoren und Vitalgeräte sind am Handgelenk tragbar. Allerdings ist die Bedienung solcher Geräte - meist über Gesten oder kleine Tasten gesteuert - für die Altersgruppe nicht trivial. Bei den kleineren Bauformen im Vergleich zu Smarphones ist die Akkulaufzeit noch ein in Entwicklung stehendes Problem.

Tablets

sind von der Funktionalität ähnlich wie Smartphones, vorteilhaft wirkt sich der größere Bildschirm aus. Auch hier ist allerdings die Bedienung mit Gesten für viele Neuland. Sie sind durch ihre Größe auch weniger handlich und schwerer zu transportieren.

Vitalmessgeräte

werden verwendet um Gesundheitsdaten wie Blutdruck, -zucker, Puls, Gewicht oder Ähnliches zu messen und dokumentieren. Viele modernere Geräte sind mit Datenbanken verbunden, in denen die Daten automatisch abgelegt werden. Der Zugriff auf die archivierten Daten ist aber meistens kompliziert, bzw. nicht altersgerecht gestaltet.

Implementierung

Je nach Produkt kann die Implementierung oder Umsetzung von den Angehörigen übernommen werden - es kann aber auch notwendig sein, einschlägiges Fachpersonal hinzuzuziehen.

Einzelnachweise

  1. Pallauf, M., Hämmerle, I., Kofler, M., Förster, K., Werner, T., & Kathrein, J. (2020). Assistenztechnologien im Wohnraum älterer Menschen—Erwartungen und Akzeptanz. Umweltpsychologie, 23. Jg.(H. 1), 10 – 33.
  2. Grevers, G. Die Telematik geht in die nächste Runde: Avanti Dilletanti!. HNO Nachrichten 50, 3 (2020). https://doi.org/10.1007/s00060-020-7012-6
  3. Videosprechstunde wird skeptisch gesehen. HNO Nachrichten 49, 8 (2019). https://doi.org/10.1007/s00060-019-5982-z