Strukturalistische Erklärungen für die Nutzung von Technik

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Im Gegensatz zum Technikakzeptanz-Modell legen strukturalistische Ansätze den Schwerpunkt ihrer Betrachtungen auf gesellschaftliche Strukturen und die Dynamiken, die diese erzeugen können. Vier Thesen können innerhalb der strukturalistischen Alternssoziologie des Verwendungskontexts von Technik unterschieden werden.[1] Sie werden im Folgenden kurz dargestellt.

  • Die (1.) Kontinuitätsthese geht davon aus, dass soziodemographische Faktoren im hohen Alter denselben Einfluss auf das Leben von Individuen haben, wie in früheren Jahren. Bezogen auf die Nutzung von Technik bedeutet das, dass sich die Generationen nicht in ihrem Einfluss, den die soziale Herkunft auf die Nutzung von Technik hat, unterscheiden.
  • Die (2.) Kumulationsthese geht demgegenüber davon aus, dass sich die soziale Ungleichheit im Alter verschärft.[2] Dem zugrunde liegt die Annahme, dass sich ein niedriger sozio-ökonomischer Status negativ auf die Techniknutzung auswirkt und sich diese Wirkung im Lebenslauf noch verstärkt.[3][4]
  • Die (3.) Destrukturierungsthese behauptet im Gegenteil, dass sich die Ungleichheiten im Alter abschwächen und sich innerhalb der eigenen Altersgruppe homogenisieren.
  • Die größte empirische Evidenz kann jedoch die These der Altersbedingtheit aufweisen (4.), die die Ideen der Kumulationsthese und die Idee Technikdiffusion aufgreift und erweitert. Sie beschreibt eine alterssegregierte Gesellschaft, in der das Alter ein soziales Ungleichheitsmerkmal ist, das den Zugang zu Ressourcen beeinflusst. Ältere Menschen werden von der Nutzung neuer Technologien institutionell, zum Beispiel durch den Ausschluss vom Arbeitsmarkt, und symbolisch, zum Beispiel durch mangelndes Vertrauen in die Technikkompetenz, ausgeschlossen.[5] Die wissenstheoretische Grundlage dieser These ist die Idee der Technikdiffusion, die besagt, dass Ältere den neuen Entwicklungen schlechter nachkommen, als Jüngere. Die digitale Spaltung wäre demnach ein dauerhaftes Ungleichheitsphänomen zwischen Jung und Alt.[6] Mehrere empirische Studien untermauern diese These, indem sie signifikante Unterschiede in der Techniknutzung zwischen Altersgruppen belegen.[7][8][9] Eine Studie aus Großbritannien erlaubt den Einwand, dass es bei manchen Technologien jedoch zu einer Art Sättigungseffekt kommt, der besagt, dass eine Technologie irgendwann so weit verbreitet ist, dass sie die Mehrheit der Gesellschaft und jede soziale Schicht erreicht [8][10] Einen weiteren Einwand zur Altersbedingtheits-These lieferte ein Beitrag aus dem Jahr 2016, der anhand der Nutzung von E-Bikes in den Niederlanden belegte, dass auch ältere Menschen „early adopters“ von Technologien sein können.[11] Die Schlussfolgerung daraus wäre, dass die Nutzung von neuen Technologien nicht zwangsläufig bei den Jüngeren beginnen muss, wenngleich sie es oft tut und dass der sozio-ökonomische Status einen Einfluss auf die Technologienutzung hat. Forscher*innen, die zur These der Altersbedingtheit die Techniknutzung älterer Personen erforschen, sprechen oft von einem „Digital divide“ , einer „digitalen Spaltung“, die die Generationen voneinander trennt. Dieser kommt nach der Überzeugung einiger Sozialforscher*innen aber nicht nur die Rolle des Ergebnisses sozialer Ungleichheit zu, sondern sie nimmt einen sehr aktiven Part als Reproduzentin von ebenjener ein. In einer informationsorientierten Gesellschaft, so der wissenschaftliche Konsens, bedeuten der Zugang und die Kompetenzen im Bereich von Informations- und Kommunikationsmedien jeweils zentrale Elemente sozialer Teilhabe.[12] Diese Annahme beruht auf älteren Ergebnissen der Wissenskluftforschung, die davon ausging, dass steigende Verfügbarkeit zu Medien Unterschiede im sozialen Status noch vergrößern kann.[13] Mehrere empirische Studien haben seither die Annahme eines „digital divide“ untermauert.[14] [15] [9]

Für die Bundesrepublik Deutschland liefert die von Friebe, Schmidt-Hertha & Tippelt im Jahr 2014 herausgegebene Studie Competencies in Later Life aktuelle Ergebnisse hierzu.[16] Die Autor*innen konnten signifikante Unterschiede in der Techniknutzung zwischen den verschiedenen Untergruppen der älteren deutschen Bevölkerung festhalten. Die „jungen Alten“ sind demnach noch um einiges technikaffiner als die „alten Alten“. Für Österreich bieten der vom Markt- und Meinungsforschungsinstitut Integral erstellte „Austrian Internet Monitor (2019) und die von der Statistik Austria erhobenen Daten zum IKT-Einsatz in Haushalten einen ersten Überblick.

Einzelnachweise

  1. Clemens, Wolfgang (2008): Zur „ungleichheitsempirischen Selbstvergessenheit“ der deutschsprachigen Alter(n)ssoziologie, in: Harald Kühnemund & Klaus R. Schroeter (Hrsg.), Soziale Ungleichheiten und kulturelle Unterschiede in Lebenslauf und Alter: Fakten, Prognosen und Visionen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  2. Dannefer, Dale (2003): Cumulative Advantage/Disadvantage and the Life Course: Cross-Fertilizing Age and Social Science Theory, in: The Journals of Gerontology Series B: Psychological Sciences and Social Sciences 58 (6): 327–S337.
  3. Pelizäus-Hoffmeister, Helga (2013): 'Zur Bedeutung von Technik im Alltag Älterer. Theorie und Empirie aus soziologischer Perspektive.' Wiesbaden: Springer VS.
  4. Silver, Michelle Pannor (2014): Socio-economic status over the lifecourse and internet use in older adulthood, in: Ageing & Society 34 (6): 1019–1034.
  5. Riley, Matilda W., Kahn, Robert L. & Foner, Anne (1994): Age and structural lag. Society’s failure to provide meaningful opportunities in work, family, and leisure. New York: J. Wiley.
  6. Rogers, Everett M. (2003): Diffusion of Innovations. [5. Aufl.] New York: Simon and Schuster.
  7. Friebe, Jens, Schmidt-Hertha, Bernhard & Tippelt, Rudolf (Hrsg.) (2014): Kompetenzen im höheren Lebensalter: Ergebnisse der Studie “Competencies in Later Life” (CiLL) (=DIE spezial). Bielefeld: Bertelsmann.
  8. 8,0 8,1 Künemund, Harald & Tanschus, Nele M. (2014): The technology acceptance puzzle. Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie 47 (8): 641–647.
  9. 9,0 9,1 Seifert, Alexander & Schelling, Hans R. (2016): Alt und offline? Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie 49 (7): 619–625.
  10. Gilleard, Chris, Jones, Ian & Higgs, Paul (2015): Connectivity in Later Life: The Declining Age Divide in Mobile Cell Phone Ownership, in: Sociological Research Online 20 (2).
  11. Peine, Alexander, Cooten, Vivette van & Neven, Louis (2016): Rejuvenating Design: Bikes, Batteries, and Older Adopters in the Diffusion of E-bikes, in: Science, Technology & Human Values: 1-31.
  12. Selwyn, Neil (2016): Reconsidering Political and Popular Understandings of the Digital Divide. New Media & Society 6 (3): 341–362.
  13. Tichenor, Philip. J., Donohue, Georg. A. & Olien, Clarice .N. (1970): Mass Media Flow and Differential Growth in Knowledge. Public Opinion Quaterly 34 (2): 159–170.
  14. Kubicek, Herbert & Welling, Stefan (2000): Vor einer digitalen Spaltung in Deutschland? Annäherung an ein verdecktes Problem von wirtschafts- und gesellschaftspolitischer Brisanz. Medien & Kommunikationswissenschaft 48 (4), 497–517.
  15. Künemund, Harald & Tanschus, Nele M. (2014): The technology acceptance puzzle. Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie 47 (8): 641–647.
  16. Schmidt-Hertha, Bernhard (2014): Kompetenzen im höheren Lebensalter, in: Jens Friebe, Bernhard Schmidt-Hertha & Rudolf Tippelt (Hrsg.), Kompetenzen im höheren Lebensalter: Ergebnisse der Studie „Competencies in Later Life“ (CiLL). Bielefeld: Bertelsmann. S. 11-22.