Quartiersentwicklungsprojekte

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Beispiele für Quartiersentwicklungsprojekte

Frauenfeld: Quartiersentwicklung

In Frauenfeld wurde im Zuge des Projektes AWIQ, Älterwerden im Quartier, in einem Quartier von rund 5000 Einwohnern eine Nachbarschaftshilfe in Kombination mit einer Talentbörse aufgebaut. Zudem wurde ein Begegnungsort geschaffen. Die Nachbarschaftshilfe wird von einer Vermittlungsgruppe koordiniert, die Hilfesuchende und Hilfebietende zusammenbringt. Die Vermittlung geschieht telefonisch. Mit jedem Hilfebietenden wurde ein Erstgespräch geführt und dazu ein „Dossier“ angelegt. Als Datenaustauschplattform dient dropbox. Dort sind alle Personaldaten von Hilfeanbietern sowie Formulare und Konzepte abgelegt. Als Telefonlösung wird sipcall verwendet. Mit Sipcall kann einfach die Umleitung der Nachbarschaftshilfenummer auf eine private Nummer einer Vermittlungsperson eingegeben werden. Die Lösung basiert auf prepaid.

Die aufgebaute technische Lösung funktioniert, auch wenn sie datenschutztechnisch nicht optimal ist. Ohne das Vermittlungsteam würden keine direkte Vermittlungen zwischen Hilfesuchenden und Hilfeanbieter (Tandems) stattfinden. Aufgrund der bescheidenen Nachfrage sieht sich das Vermittlungsteam problemlos im Stande, die telefonischen Vermittlungen zu koordinieren. Problematischer ist es bei der Führung des Personenstamms. Bereits heute ist es nicht mehr klar, welche Personen wirklich noch aktiv Hilfe anbieten. Gerade bei Personen, die noch nie einen Einsatz hatten fehlen Updates, die bestätigen, dass die Personen immer noch Hilfe anbieten will. Ein geeignetes Verwaltungstool wäre hier hilfreich. Zwei weitere Quartiere sind von der Nachbarschaftshilfe überzeugt und wollen auch eine Vermittlungsstelle aufbauen. Ein Quartier möchte zudem eine elektronische Austauschplattform einrichten.

Amkumma: Online-gestützte Vermittlung von Nachbarschaftshilfe

Die Bereitschaft von Menschen jeden Alters, unterschiedlichster Berufsgruppen und diverser sozio-demographischer Schichten sich freiwillig zu engagieren ist weit verbreitet. Ob sie sich in Organisationen und Netzwerken zusammenschließen oder als Individuen agieren – Hilfesuchende mit Helfern zusammenzubringen erfordert ein Mindestmaß an Organisation und Verwaltung. Hinzu kommt die Schwierigkeit für beide Seiten, Hilfesuchende und Helfer, sich zu finden. Die Internetplattform Nachbarschaftshilfe amKumma stellt eine innovative und einfach zu bedienende Lösung der genannten Herausforderungen dar.

Die Internetplattform Nachbarschaftshilfe amKumma (mitanand - füranand) ist ein modernes und zukunftsweisendes Hilfsinstrument um Helfer und Hilfesuchende im Ehrenamt unkompliziert und schnell zueinander zu führen. Zumindest bei der erstmaligen Anmeldung sind die Ehrenamtsinitiativen von Götzis (zämma leaba) und Koblach (z`Kobla dahoam) eingebunden. Die Mitarbeiter*innen dieser Ehrenamtsinitiativen sind auch Ansprechpartner*innen, sollte es Fragen oder Probleme geben; gerne hilft man hier auch bei technischen Fragen. Die Dienste der Plattform werden unentgeltlich angeboten und es werden nur ehrenamtliche Tätigkeiten vermittelt. Die Annahme einer Entlohnung (Geld, geldwerte Vorteile, Geschenke) ist deshalb nicht gestattet und könnte zum Ausschluss aus dieser Plattform führen. Kleinere Zuwendungen von geringem Wert (Blumenstrauß, Süßigkeit, etc.) stellen hingegen kein Problem dar. Die Plattform legt Wert darauf, dass das Ehrenamt hochgehalten wird. Bei gewerblicher Nutzung der Plattform oder sonstigen Verstößen gegen die Regeln der Plattform (etwa auch, wenn sich jemand mit falschen Daten anmeldet) wird entweder keine Zulassung erteilt oder das Profil umgehend gelöscht.

Die Erfahrung der letzten 3 Jahre hat gezeigt, dass ein gutes Gelingen von vielen Faktoren beeinflusst wird. Bei Einführung der Plattform kam öfters der Einwand, die Bevölkerung sei noch nicht soweit, diese Technik zu nutzen. Tatsächlich gab es nicht viele Zugriffe auf diese Plattform, wobei es fraglich ist, ob dies nur mit den Kund*innen zu tun hat. Eher sind auch die Beteiligten der Ehrenamtsplattformen skeptisch gewesen und konnten die Plattform nicht wirksam “vermarkten”. Schlussendlich ging die Plattform überhastet ins Netz, es wurde ohne Helfer*innen in der Nachbarschaftshilfe gestartet und eine andere Plattform formierte sich gerade, was die Einführung nicht begünstigte. Auch funktionierte die Technik nicht immer reibungslos, was zur Frustration der Beteiligten beigetragen hat. Die Inbetriebnahme der Plattform zu einem späteren Zeitpunkt hätte zu einer stabileren Funktionalität und zu einer höheren Akzeptanz geführt.

Bern: Zugänglichkeit von Ressourcen der Quartierarbeit verbessern

Hintergrund

Der Grossteil der älteren Menschen in der Schweiz wünscht sich, im Alter in den langjährig vertrauten, eigenen vier Wänden bleiben zu können[1]. Vier von fünf der über 80-jährigen Schweizerinnen und Schweizer wohnen in einem Privathaushalt[2]. Menschen altern also vornehmlich in ihrem sozialen Nahraum – ob Stadtteil, Quartier oder Dorf. Das Bedürfnis, soziale Kontakte zu pflegen und mit anderen Menschen zu interagieren bleibt erhalten, auch wenn sich mit zunehmendem Alter häufig der Bewegungsradius verkleinert[3]. Umso mehr gewinnt der soziale Nahraum an Bedeutung[3].

Gleichzeitig sind soziale Isolation und Vereinsamung auch in der Schweiz gerade unter älteren Menschen verbreitet. So gaben 15.7 Prozent der über 75-jährigen Schweizerinnen und Schweizer im Jahre 2011 an, einmal pro Monat oder weniger private soziale Kontakte zu pflegen[4]. Eine deutsche Studie hat zudem einen sozialen Gradienten festgestellt: «[…] je schlechter die wirtschaftliche Situation, desto geringer die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und an Nachbarschaft»[5]. Soziale Isolation ist sowohl mit erhöhten Raten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, psychischen Krankheiten[6] und Mangelernährung[7] als auch mit erhöhter Sterblichkeit assoziiert[8]. Zu den Risikofaktoren sozialer Isolation gehören neben Alter und wirtschaftlicher Situation auch körperliche, psychische und sensorische Behinderung[9].

Wie in anderen Schweizer Städten besteht auch in Bern eine aktive Quartierarbeit, welche mit verschiedenen Aktivitäten und Institutionen soziale Teilhabe und nachbarschaftliches Miteinander in den Berner Quartieren fördert. Eine dieser Institutionen ist das Quartierzentrum Tscharnergut, welches mitten in der Siedlung Tscharnergut im Berner Quartier Bümpliz-Bethlehem gelegen ist. Das Café Tscharni im Quartierzentrum Tscharnergut bietet fünf Tage die Woche ein günstiges Mittagessen für Seniorinnen und Senioren an. Das Potential dieses Angebots, ein sozialer Treffpunkt gerade für ältere Menschen im Tscharnergut und Umgebung zu sein, ist bis jetzt nur zum Teil ausgeschöpft. Da gerade Menschen, welche aus körperlichen, psychischen und/oder sozialen Gründen in ihrer sozialen Teilhabe eingeschränkt sind, besonders von sozialer Isolation bedroht sind, ist es wichtig, die vorhandenen Ressourcen der Quartierarbeit – wie den Mittagstisch des Café Tscharni - auch für diese Menschen zugänglich zu machen.

In einer Kooperation des Quartierzentrums Tscharnergut in mit der Genossenschaft BETAX (Behindertentransportdienst), der Spitex Bern (ambulante Pflege), der vitadoro AG (Haushaltshlife für Senior*innen) und der Forschungsstelle Ergotherapie der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) wurde ein Projekt entwickelt, in dem es – gerade auch älteren – Quartierbewohnerinnen und Quartierbewohnern, die durch ihre eingeschränkte Mobilität oder anderweitig in ihrer sozialen Teilhabe eingeschränkt sind, ermöglicht werden soll, am Mittagstisch des Café Tscharni teilzunehmen. Zweimal in der Woche erhalten die Teilnehmenden die Möglichkeit, dass sie ein Sammeltaxi kostenlos zum Mittagstisch und wieder zurück nach Hause bringt. Das Mittagessen bezahlen die Teilnehmenden selbst. Die Kommunikation zwischen Quartierzentrum, Fahrdienst und Teilnehmenden wird zielgruppengerecht technikgestützt gestaltet. Das Angebot fördert die soziale Teilhabe im Quartier, macht die Ressourcen der Quartierarbeit auch für vulnerable Gruppen zugänglicher und ergänzt Angebote wie den Mahlzeitendienst der Pro Senectute. Es nutzt dabei vorhandene Ressourcen und schafft Synergien zwischen den Akteuren aus Gesundheits- und Sozialwesen, die im Quartier tätig sind. Neben den oben erwähnten im Quartier tätigen Organisationen wird das Projekt sowohl vom Schweizerischen Rote Kreuz (SRK), der Sozialdiakonie der reformierten Kirche Bern-Bethlehem und anderen in der ambulanten Versorgung tätigen Organisationen unterstützt.

Entwicklung der Projektidee

Die ursprüngliche Projektidee wurde vom Quartierzentrum Tscharnergut in Zusammenarbeit mit der Forschungsstelle Ergotherapie der ZHAW im Frühjahr 2019 entwickelt. Diese begleitet die Entwicklung und Durchführung des Projektes im Rahmen des internationalen Kooperationsprojektes «Technik im Quartier» der Internationalen Bodenseehochschule (IBH). Die Projektidee wurde anschliessend zwischen März und Juli 2019 gemeinsam mit den Projektpartnern BETAX, Spitex Bern und vitadoro AG weiterentwickelt. Die Sozialdiakonie der reformierten Kirche Bern-Bethlehem, das SRK und und andere in der ambulanten Versorgung tätigen Organisationen und erklärten sich zu einer Unterstützung des Projektes bereit. Im August wurde ein Workshop mit Quartierbewohnerinnen und Quartierbewohnern durchgeführt, bei dem sich diese zu dem Projekt äussern und Ideen einbringen konnten. Der Start des Projektes war für November 2019 vorgesehen. Im Folgenden werden die Eckpunkte des Projektes skizziert.

Ablauf des Projektes

Im Tscharnergut und dem umliegenden Quartier wohnhafte Menschen, welche aus körperlichen, psychischen und/oder sozialen Gründen in ihrer sozialen Teilhabe eingeschränkt sind, können sich für eine Teilnahme am Projekt registrieren. Spitex Bern, vitadoro AG, die Sozialdiakonie und Mitarbeitende des Entlastungs- und Fahrdienste des Schweizerischen Rotes Kreuzes Kanton Bern identifizieren unter ihren Kunden gezielt Menschen, welche diesem Profil entsprechen, und sprechen diese darauf an, ob sie sich für eine Teilnahme interessieren würden. Falls Interesse besteht, werden sie in einem Gespräch über den genauen Ablauf des Projekts informiert. Ihre Adresse, Telefonnummer und wenn nötig weitere Angaben (z.B. Rollstuhl ja oder nein) werden aufgenommen. Falls sie Anrecht auf Unterstützung durch die Stiftung Behindertentransport Kanton Bern (BTB) haben, werden sie bei der Beantragung eines Fahrberechtigungs-ausweises unterstützt.

Registrierte Teilnehmende erhalten zweimal die Woche – jeweils Mittwoch und Freitag - die Möglichkeit, dass sie ein Sammeltaxi kostenlos zum Mittagstisch des Café Tscharni und wieder zurück nach Hause bringt. Das Mittagessen bezahlen sie selber, für Seniorinnen und Senioren ist es verbilligt (Menüpreis CHF 10.-). Jeweils 2 Tage vor der Durchführung, also Montag bzw. Mittwochnachmittag, erhalten sie eine SMS oder Chatnachricht vom Quartierzentrum Tscharnergut mit den Angaben zum Menü des nächsten Mittagstisches. Falls sie teilnehmen möchten, brauchen sie lediglich die SMS oder Chatnachricht mit «JA» zu beantworten. Interessierten Personen, welche kein Mobiltelefon nutzen, steht die Möglichkeit offen, sich per Telefon direkt anzumelden.

Der SMS- bzw. Chatnachricht-Versand wird vom Quartierzentrum mittels einer Desktop-Lösung organisiert. Anhand der einkommenden SMS/Chatnachrichten wird für jeden Einzeltermin eine Liste der Teilnehmenden mit Adresse und evtl. weiteren Angaben (z.B. Rollstuhlfahrer) generiert und an die BETAX weitergeleitet. Diese plant anhand der Liste die für die Teilnehmenden kostenlose Sammeltaxifahrt und holt die angemeldeten Teilnehmenden am folgenden Mittwoch bzw. Freitag zwischen 11:15 und 12:00 zuhause ab. Menschen, die eine durchgehende Betreuung benötigen, müssen diese jedoch selbst zum Mittagstisch mitbringen, da dies eine Leistung ist, die weder von den Mitarbeitern der BETAX noch vom Quartierzentrum übernommen werden kann. Nach dem Mittagstisch werden die Teilnehmenden vom Sammeltaxi wieder nach Hause gebracht. Der Fahrdienst ist für eine Pilotphase von mindestens einem Jahr über Stiftungsgelder finanziert.

Erste Erfahrungen mit dem Projekt

Die Durchführungsphase des Projekts startete Mitte November 2019. Mitte März bis Mitte Juni 2020 musste das Projekt aufgrund der Covid 19-Pandemie für drei Monate pausieren. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich der Gemeinsame Mittagstisch Tscharnergut als Treffpunkt für Senior*innen im Quartier etabliert. Jeden Mittwoch und Freitag nahmen durchschnittlich zwischen 3 und 6 Personen am Mittagstisch Teil. Allerdings nutzte lediglich ein kleiner Teil dieser Personen den kostenlosen Fahrdienst, der im Rahmen des Projekts angeboten wird. Zudem hat sich gezeigt, dass viele dieser Senior*innen auch an anderen Tagen das Quartierzentrum mehr nutzen.

Für den Fahrdienst registrierte Nutzer*innen

Stand März 2020 waren sieben Personen für den Fahrdienst der Genossenschaft BETAX registriert. Der Fahrdienst wurde regelmässig genutzt, jedoch bis zu diesem Zeitpunkt jeweils nur von 1-2 Personen. Die meisten der registrierten Teilnehmenden bevorzugten die Anmeldung per Telefon, weil sie entweder kein Mobiltelefon besitzen oder dieses kaum nutzen. Dies war in besonderem Masse bei den Personen über 80 Jahren der Fall.

Vorläufige Schlussfolgerungen

Die Zielgruppe 80+ zeigte geringe Technikaffinität. Diese Menschen scheinen über Internet- und sogar über lediglich Mobiltelefon-vermittelte Angebote nicht erreichbar zu sein. Gerade bei der Einführung von Nachbarschaftsportalen sollte dies berücksichtigt werden.

Ausblick

Nach Ende der Corona-Pandemie soll mit Unterstützung der quartierbasierten Organisationen aus dem Gesundheits- und Sozialwesen die Rekrutierung für das Projekt inklusive Fahrdienst intensiviert werden.

Das Nachbarschaftsportal fürenand.ch

Projektidee und Geschichte von fürenand.ch

Mit einer Generationen-Plattform wollte die Belvita Schweiz AG ursprünglich sein Angebot als Pflegeorganisation komplementieren und ein Vermittlungstool zur Generationen-übergreifenden, nachbarschaftlichen und spontanen Hilfevermittlung anbieten. Bei der Marktabklärung und Recherche zeigte sich, dass es einerseits schon einige solcher Plattformen gibt und andererseits die Bedürfnisse in den Quartieren wesentlich vielfältiger sind. So wurde der Fokus zusätzlich bei der Konzipierung auf die Frage gelegt, was einer Belebung von Nachbarschaften dienlich ist; mit dem Wissen, dass in gut funktionierenden Nachbarschaften auch Bedürftige und ältere Personen besser aufgehoben sind.

So sind die einzelnen Rubriken/Funktionalitäten entstanden. Auch Organisationen und das Gewerbe sind wichtig in einer Nachbarschaft – ob als Dienstleister, für den Naheinkauf, als Arbeitgeber und auch als Steuerzahler. Entsprechend hat die Belvita AG die Kommunikations-Plattform fürenand.ch neu mit dem Schwerpunkt Selbstorganisation in Quartieren, Nachbarschaften und Gemeinden erstellt. Menschen können sich so in ihrem Umfeld generationenübergreifend untereinander und mit Organisationen vernetzen - für ein Näherrücken, gegenseitige Hilfe und Unterstützung, für mehr Sicherheit und Transparenz und gegen die Anonymisierung (Wissen was läuft und wer in der Nachbarschaft lebt). Die Plattform soll zudem eine Ergänzung zu den physischen Hilfs-Angeboten sein und auch den Organisationen (Pro Senectute, Nachbarschaftshilfe und Zeitvorsorge, etc.) die Möglichkeit bieten, darauf zu posten, ihre Veranstaltungen und Angebote zu publizieren und sich als geschlossene Gruppe darauf zu organisieren.

Pilotphase und Markteinführung

Die Plattform fürenand.ch ist seit Ende März 2017 online. Sie startete damals mit einer ersten Pilotnachbarschaft, dem Kulturpark Zürich West. Zügig wurden auch weitere Pilotnachbarschaften zum Test der Plattform aufgeschaltet und somit ein direkter Kanal zur Zielgruppe zum Aufnehmen von Wünschen und Bedürfnissen an die Weiterentwicklung geschaffen. Bis spätestens Anfang Oktober 2018 war die 5. Version der Plattform getestet und die Pilotphase somit abgeschlossen.

Fünf Nachbarschaften sind bereits seit letztem Jahr aktiv und 17 sind im Jahr 2018 neu gestartet. Mindestens 10 Nachbarschaften/ Gemeinden wurdenbis Ende des Jahres 2018 noch erstellt. Anfang 2019 wurde die “Endversion” dann als kostenlose Lösung in der Deutschschweiz und im Süddeutschen Raum ausgerollt; auch die Romandie und das Tessin werden als Zielregionen angestrebt.

Die Zukunft der Plattform

Mit dem Abschluss der Pilotphase ist die Plattform in der Version V1.5 auf einem sehr hohen praxis-orientierten Niveau; dennoch wurde bereits die Entwicklung weitergehender Funktionalitäten in Auftrag gegeben. Der Fokus liegt bei der Weiterentwicklung in der Hilfestellung für ältere User (Videoerklärung für die Registrierung und die Nutzung, sowie eine dynamische Mouseover-Hilfefunktion) und auch in Themen der Unterhaltung (kognitive Spiele wie Sudoku, Rätsel und die Vermittlung von Wissen) sowie in der Stärkung der Regionalität, d.h. Themen wie Wohnen im Alter, Arbeiten und Einkaufen sowie Sharing in der unmittelbaren Umgebung. Die Plattform kann trotz den neuen zukünftigen umfassenden Funktionen übersichtlich und einfach gehalten werden.

Ein zentraler Punkt ist die Sicherheit, einerseits die IT Sicherheit, aber auch die Sicherheit innerhalb von „geschützten“ Nachbarschaften kommunizieren zu können. Deshalb wurde eine zweistufige Sicherheitsprüfung in den Registrierungsprozess eingebaut. Als erstes wird die E-Mail-Adresse verifiziert und danach die Korrektheit der Wohnadresse mit der Nachbarschaftsauswahl geprüft. Nur wirklich in der Nachbarschaft wohnende Personen und darin domizilierte Organisationen erhalten eine Freischaltung. Die Adressen werden inskünftig regelmäßig überprüft, weil wegziehende Personen oft vergessen sich abzumelden. Die Sicherheitsupdates erfolgen zudem regelmäßig.

Die User müssen sich mit Ihrem korrekten Namen anmelden, ein Nickname ist nicht gestattet. Die klare Identifizierung wer was postet, soll gewährleistet sein – Anstand, Ehrlichkeit und Respekt sind auch auf Plattformen wichtige Aspekte. Die Erfahrungen mit den aktuellen Nachbarschaften auf fürenand.ch zeigen diesbezüglich sehr Positives: es wurden bisher nur für die Nachbarschaft sinnvolle und hilfreiche Dinge gepostet. Die Möglichkeit auf der Plattform einen Missbrauch zu melden wurde bisher noch nie gebraucht. Für die Datensicherheit wird die Plattform in der Schweiz gehostet. Die Kommunikation erfolgt Ende-zu-Ende verschlüsselt. Alle Passwörter sind auch für den Admin und die Programmierer verschlüsselt und nicht sichtbar. Es wird soweit möglich auf externe Dienste, mit einer Ausnahme: Google Maps, verzichtet. Belvita verfolgt bei der Datennutzung eine klare Politik. Es werden keine Daten an Dritte weitergegeben oder weiterverkauft, auch Belvita nutzt die Daten nicht zu eigenen Werbezwecken. Die User bleiben im Besitz ihrer Contents: Texte, Bilder und Dokumente.

Nachbarschaftsgröße und Kommunikationsradius

Die Nachbarschaftsgrößen lassen sich frei nach den örtlichen Gegebenheiten und Anforderungen bestimmen. Dabei ist eine Zusammenarbeit mit den Initianten vor Ort wichtig. Einzelne Nachbarschaften lassen sich dann zu einer Umgebung zusammenschließen. Damit erweitert sich der Kommunikationsradius, weil es oftmals Themen gibt, die über eine Quartiersgrenze hinweg kommuniziert werden müssen. Als Beispiel können wir hier den Post „Katze entlaufen“ nehmen. Diese wird sich beim Ausreißen nicht an die Grenzen der Nachbarschaftsplattform halten und in einem weiteren Umfeld gesucht werden müssen. Jeder User bestimmt selbst seinen Kommunikationsradius innerhalb einer Umgebung. Auf einfache Weise kann jeder in seinem Profil die gewünschten Nachbarschaften in der zusammengeschlossenen Umgebung aktivieren/ deaktivieren. Dann kann bei jedem Post gewählt werden, ob dieser in der eigenen Nachbarschaft oder in der eigenen Nachbarschaft und der selber definierten Umgebungsnachbarschaften sichtbar sein soll. Bei der Bestimmung der Nachbarschaftsgrösse ist die Menge an Mitteilungen mit zu berücksichtigen, weil eine grosse „Flut“ an Post‘s zu Unübersichtlichkeit führen kann.

Profilsichtbarkeit und Benachrichtigungen

Die Profile der privaten Nutzer*innen sind nur in der eigenen Nachbarschaft sichtbar, die Profile der Gewerbebetriebe und Vereine aber in allen Nachbarschaften einer definierten Umgebung. Partner von fürenand.ch und Belvita Schweiz AG haben keine Einsicht in die Nachbarschaften, sind aber in allen Nachbarschaften auf der Plattform mit ihrem Profil einsehbar. Zur Personalifizierung steht die Funktion „Ausblenden“ allen User zur Verfügung, um eine Person oder Organisation auszublenden und so deren Post nicht mehr zu erhalten. Im eigenen Profil können die Benachrichtigungen für Mitteilungen aus der Plattform eingestellt werden - zurzeit erfolgen diese per E-Mail. Die Plattform wird aktuell vollumfänglich von Belvita Schweiz AG administriert – unter anderem aus Sicherheitsgründen. Das heißt für einzelne Quartiere und Nachbarschaften sowie Gemeinden und Bezirke entstehen diesbezüglich keine zeitlichen oder finanziellen Aufwendungen.

Beispiel Kirchheim unter Teck und anderer Quartiere

Um Nutzungsbarrieren für die ältere Generation, die teilweise keinerlei Erfahrungen mit Technik hat, zu vermeiden, fällt die spezielle Nutzungsoberfläche für mobile Endgeräte schwer ins Gewicht. Derzeit werden solche Systeme als vorübergehend verwendet, da in Zukunft immer mehr ältere Menschen mit der Technik aufgewachsen sind und daher Nutzungserfahrungen haben. Nur die Beschwerden, die im Alter zunehmen, wie Seh- und Hörvermögen, bleiben nach wie vor erhalten. Demzufolge werden Nutzungsoberflächen, die für die fortgeschrittenen Generationen sind, weiterhin Beachtung geschenkt und ein Thema bleiben. Jedoch sollten Quartiersplattformen nicht speziell nur für die Älteren entwickelt werden, sondern auch für die Jugendlichen. Daher wird empfohlen, das Design nicht nur gebrauchstauglich für die älteren Menschen auszurichten, sondern folgend dem Design for all-Ansatz generationenübergreifend ansprechbar und verwendbar zu gestalten. Ein Usability-Test der wirRauner App zeigt, dass eine hohe Gebrauchstauglichkeit erwartet werden kann, wenn die Standard Design-Guidelines angewendet werden. Indem kleine Hinweise zu Interaktion geschaffen werden, erleichtert dies die Bedienung der mobilen Geräte und fördert die Fähigkeit, Neues zu lernen. Aus diesem Grund sollten Interaktionsmuster nicht mit einem beispielsweise extra Feld ausgestattet werden, sondern nur mit kleinen Hilfestellungen erweitert werden. Hinsichtlich der bereits verwendeten Plattform wirRauner, wurden manche Module, wie die Seite der Neuigkeiten, von den Nutzer*innen sehr selten benutzt. Hierbei stellt sich die Frage, ob den Bewohner*innen eventuell nicht klar war, dass es diese gibt oder ob diese Seite einfach nicht gebraucht wird.

Links zu anderen Quartiersentwicklungsprojekten mit Digitalisierungsziel

Gesammelte Erfahrungen im Umgang mit Nachbarschaftsportalen zur Förderung sozialer Interaktion

Im Folgenden werden die gewonnenen Erfahrungen der Nachbarschaftsportale kategorisiert und erläutert.

Zielgruppen

Bei der Einführung oder Benutzung einer Quartiersplattform ist es schwierig, alle Bewohner*innen zu erreichen. Die Erschließung vulnerabler Gruppen sollte berücksichtigt werden, denn für diese stellt ein Nachbarschaftsportal den meisten Mehrwert dar. Zudem ist die besondere Zielgruppenorientierung für ältere Menschen oder Menschen ohne Interneterfahrung wichtig. Hierfür muss eine barrierefreie Nutzung gewährleistet sein, ein angepasstes Design bzw. Interaktionskonzept, ein mediendidaktisches Konzept muss erarbeitet werden sowie Schulungsangebote, beispielsweise eine Schulung über ein Patensystem, bei dem jede*r Nutzer*in einen Paten zur Seite gestellt bekommt. Des Weiteren müssen dafür Rahmenbedingungen erfüllt sein, wie ein Internetzugang oder dass jeder, der die Plattform nutzen möchte, auch ein Gerät zur Verfügung hat. Jedoch kann die Fokussierung auf ältere oder benachteiligte Nutzer*innen andere Nutzer*innengruppen abschrecken. Allgemein sollten bei der Hauptseite#Implementierung eines Nachbarschaftsportals nicht nur Menschen beachtet werden, sondern auch die Institutionen.

Anbindung an bestehende Strukturen

Die Anbindung an bestehende Strukturen ist wichtig. Eine partizipative Gestaltung, bei der alle Akteure, die Bürger*innen, Multiplikator*innen sowie Institutionen, mit eingebunden werden um einem Konkurrenzdenken entgegen zu wirken. Hierbei kann die Plattform als virtuelle Verlängerung bestehender Strukturen gesehen werden, wie zum Beispiel ein Begegnungszentrum. Allerdings können Veränderungsprozesse im Kontext der Plattform-Einführung eine Barriere hinsichtlich vorhandener IT-Lösungen darstellen. Die Kommune Mönchweiler benutzt beispielsweise die City-Hub Applikation um über Angebote oder Veranstaltungen zu informieren, St. Georgen verwendet einen Twitter-Kanal und in Kirchheim wurde vieles über das MicrosoftOffice-Programm geregelt, aus diesem Grund wurde dieses in die WirImQuartier-Plattform integriert. Daher ist gegebenenfalls eine Einbindung vorhandener IT-Infrastrukturen sinnvoll und die Verankerung des Projektes in der Gesamtstrategie des Sozialraums. Die Plattform selbst schafft keine Strukturen oder soziale Angebote, das muss allen Nutzenden klar sein.

Einbindung und Kontext

Damit Nachbarschaftsportale in den Alltag eingebunden werden können und nur Bürger*innen aus dem jeweiligen Quartier sich anmelden können, ist ein Konzept notwendig, indem geklärt sein muss, wie das Marketing geregelt ist, über welche Kanäle kommuniziert wird und wie die Identitätsprüfung erfolgen soll. Zusätzlich müssen Anreize geschaffen werden sowie der Mehrwert für die Nutzer*innen bzw. auch für die Multiplikator*innen ersichtlich sein. Vor allem zu Beginn oder bei vulnerablen Gruppen gibt es bei einer Quartiersplattform weniger nutzergenerierte Inhalte als in anderen sozialen Netzwerken. Dementsprechend ist eine aktive Moderation von Initiator*innen oder Multiplikator*innen erforderlich, um eine Grundlage an Interaktionen zu schaffen.

Rolle der*des Kümmer*in

Die Rolle der*des Kümmer*in besteht aus Moderator*in, Netzwerkarbeiter*in, Gestalter*in und Botschafter*in. Hierbei hat die persönliche Motivation eine große Bedeutung. Es muss das Verständnis vorlegen, dass Nachbarschaftsportale als Werkzeug eingesetzt werden können, nicht als Lösung. Außerdem müssen genügend Ressourcen gegeben sein, denn oftmals wird der Aufwand, solch eine Plattform zu pflegen, unterschätzt und die zusätzliche Betreuung des Portals zu den bestehenden Aufgaben problematisch.

Abgrenzung zu kommerziellen Angeboten

Bei einer Einführung einer Quartiersplattform könnte eine Konkurrenz zu bestehenden Social Media Konzepten geben, insbesondere zu Facebook oder WhatsApp. Daher müssen Maßstäbe für Design, Usability und Stabilität gesetzt werden. Außerdem muss es eine Abgrenzung zu kommerziellen Nachbarschaftsportalen, wie nebenan.de, geben, indem die Mehrwerte nachvollziehbar gemacht werden, die zum Beispiel aus lokaler Steuerung, Datensparsamkeit und Inklusion bestehen. Auch die Nachhaltigkeit muss durch ein Konzept geregelt sein.

Forschungskontext

Im Vergleich der Literatur mit den Ergebnissen wird festgestellt, dass es vielerlei Überschneidungen gibt, z.B. dass die Nutzer*innen von sich aus den Nutzen oder den Mehrwert erkennen müssen und es nicht weiterhilft, einfach nur eine Plattform einzuführen ohne die Bewohner*innen darauf aufmerksam zu machen und sie dahingehend einzuführen [10]. Auch die zuvor erworbenen Erfahrungen aus dem Projekt SONIA und SONIAnetz, dass eine Person benötigt wird, die für eine Quartiersplattform verantwortlich ist, sie pflegt und die Quartiersbewohner*innen motiviert, werden durch die Meinungen der Expert*innen bestätigt.


Siehe auch

Technik im Quartier

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Einzelnachweise

  1. Höpflinger, F. (2009). Einblicke und Ausblicke zum Wohnen im Alter. Zürich: Seismo-Verlag.
  2. Bundesrat. (2007). Strategie für eine schweizerische Alterspolitik. Bericht des Bundesrates. (In Erfüllung des Postulates Leutenegger Oberholzer (03.3541) vom 3. Oktober 2003). Retrieved from http://altermigration.ch/fileadmin/templates/pdf/0_Altersbericht_d_EDI.pdf
  3. 3,0 3,1 Meyer, S. (2016). Technische Unterstützung im Alter–Was ist möglich, was ist sinnvoll. Hg. v. Jenny Block, Christine Hagen Und Frank Berner. Berlin (Expertisen Zum Siebten Altenbericht Der Bundesregierung).
  4. Bachmann, N. (2014). Soziale Ressourcen als Gesundheitsschutz: Wirkungsweise und Verbreitung in der Schweizer Bevölkerung und in Europa. Neuchâtel: Schweizerisches Gesundheitsobservatorium.
  5. Bruckner, E., Schmidt, K., & Walther, C. (2005). Sozialer Zusammenhalt – Kitt in Kommune, Nachbarschaft und Familie (p. 24). Gütersloh: Bertelsmann-Stiftung.
  6. Leigh-Hunt, N., Bagguley, D., Bash, K., Turner, V., Turnbull, S., Valtorta, N., & Caan, W. (2017). An overview of systematic reviews on the public health consequences of social isolation and loneliness. Public Health, 152, 157–171. https://doi.org/10.1016/j.puhe.2017.07.035
  7. Walker, D., & Beauchene, R. E. (1991). The relationship of loneliness, social isolation, and physical health to dietary adequacy of independently living elderly. Journal of the American Dietetic Association, 91(3), 300–304.
  8. Holt-Lunstad, J., Smith, T. B., Baker, M., Harris, T., & Stephenson, D. (2015). Loneliness and Social Isolation as Risk Factors for Mortality: A Meta-Analytic Review. Perspectives on Psychological Science, 10(2), 227–237. https://doi.org/10.1177/1745691614568352
  9. Biordi, D. L., & Nicholson, N. R. (2013). Social isolation. Chronic Illness: Impact and Intervention, 85–115.
  10. Schreiber, F., & Göppert, H. (2018). Wandel von Nachbarschaft in Zeiten digitaler Vernetzung.