Netzwerkbarriere

Aus Living Lab AAL
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Netzwerkbarrieren bezeichnen Hürden der AAL-Anwendung an der Schnittstelle von AAL-Technologien und Unterstützungsleistungen durch Menschen. Menschliche Unterstützungsleistungen schliessen hier die gesamte Palette personenbezogener Dienstleistungen mit ein, in anderen Worten: formelle und informelle, professionelle und zivilgesellschaftliche, bezahlte und unbezahlte Sorgearbeit.

Was seit vielen Jahren bekannt ist, stellt nach wie vor eine grosse sozio-technische Herausforderung dar: Technische Lösungen sind darauf angewiesen, dass sie in bestehende 'humane Hilfsdienste' eingebunden werden [1] [2].

„… any truly effective AAL system cannot leave aside the contributions coming from society itself, in all forms, with the participation of informal caregivers, professionals, and even the elderly people themselves.“[3]

Netzwerkbarrieren zeigen sich in vielfältigen Bereichen der Gesellschaft.

Nicht zu vergessen im Bereich der Netzwerkbarrieren ist die Verantwortung von Gesellschaft, Politik, Wirtschaft sowie der Einzelnen gegenüber den hilfebedürftigen Menschen.


Innovationskultur

Die Innovationskultur ist derzeit nicht auf einen regen (internationalen) Austausch ausgerichtet. Dies schließt den Zugang zu "Best Practice" Beispielen ein. Auch wird die Herausforderung der Einbindung vulnerabler Nutzer*innengruppen und die Einbindung von unterschiedlichen Stakeholdern nicht gesehen und unterstützt.

Forschungsförderung

Forschungsförderung, wie sie aktuell betrieben wird, orientiert sich aufgrund der meist kurzfristigen Ergebnisorientierung stark an der Entwicklung von Prototypen[4]. Diese werden aber nur selten zur Marktreife gebracht, da vor allem die Implementierungsphasen von AAL-Technologien zu wenig gefördert werden und folglich ein empirischer Nachweis über den Nutzen des Technikeinsatzes ausbleibt[5][6]. Dies hat zur Folge, dass die Wissensbasis zu Nutzungspotentialen fehlt und damit die Akzeptanz und Etablierung dieser neuen Technologien in der Praxis gering ist. Hinzu kommt, dass das enge Zeitkorsett aktueller Förderprogramme einer intensiven und langfristigen Einbindung potentieller Nutzergruppen - und damit einer bedarfsorientierten Ausrichtung neuer Technologien - entgegensteht.[4] Die empirische Sozialforschung wird dabei meist nur als Begleitforschung betrieben[7][8].

Entwicklungsprozess

Der Entwicklungsprozess und das Projektmanagement stehen in engem Zusammenhang mit der Innovationskultur und der Förderlandschaft für AAL-Technologien. Entwicklerteams haben einen potenziell großen Einfluss auf das gesamte Forschungsvorhaben. Dies kann dazu führen, dass nicht die Bedürfnisse potentieller Nutzergruppen sondern vielmehr das technisch Machbare im Vordergrund der Entwicklung steht.[8][9] Potentielle Nutzergruppen werden häufig nur unzureichend und temporär in den Entwicklungsprozess eingebunden. Gerade auch in die Antragsphase und damit Ausrichtung der technischen Lösung werden zukünftige Nutzer*innen, Daseinsvorsorger (z.B. Einrichtungen des Gesundheitswesens) und Stakeholder aus der Praxis (z.B. Pflegekräfte) nur wenig involviert.[10] [11] Hingegen sollte die Entwicklung neuer AAL-Technologien von den Anforderungen und Bedürfnissen potentieller Nutzer*innen geleitet werden, um späteren Akzeptanzproblemen vorzubeugen.[5] Hinzu kommt, dass die eingesetzten Methoden und Formate meist wenig dazu geeignet sind, um die Bedürfnisse insbesondere vulnerable Nutzer*gruppen (z.B. ältere Personen) zu erfassen. Hierbei ist zudem zu beachten, dass es sich um eine sehr inhomogene Gruppe handelt.[12][4][13] Auch die Betrachtung des ganzheitlichen Kontextes durch die interdisziplinären Entwickler- und Forschungsteams kommt dabei oft zu kurz. Durch diese technologiegetriebene anstatt bedürfnisorientierte Entwicklung wird auch die Usability und die User Experience (UX) zu wenig beachtet. Zudem werden Schlüsseltechnologien, wie Robotik oder Künstliche Intelligenz, aber auch Geräte wie Smartphone oder Smartwatch unüberlegt eingesetzt.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit und Projektmanagement

Die Entwicklung von AAL-Lösungen erfordert die Beteiligung unterschiedlichster Disziplinen. Interdisziplinäre Kooperationen bergen neben Chancen jedoch auch Konfliktpotential und stellen damit besondere Anforderungen an das Projektmanagement und die Gestaltung der Kommunikationsprozesse im Forschungsverbund. Kommunikative Herausforderungen wie z.B. die Etablierung einer gemeinsamen Sprache sowie unterschiedlich gesetzte Prioritäten und Interessen im Verbund können den Projekterfolg schmälern oder gar verhindern. Die persönliche Einstellung und Bereitschaft aller Beteiligten zu inter- oder transdisziplinärer Forschung sind ergo kritische Faktoren für eine erfolgreiche Zusammenarbeit. Auch die Festschreibung von Arbeitspaketen und die Bearbeitung durch jeweils eine/n Partner*in können die Zusammenarbeit beeinträchtigen.[14] Hinzu kommt, dass sich die Zusammenarbeit komplexer und schwieriger gestaltet je mehr Partner*innen an der Entwicklung beteiligt sind.[15]

Dies macht entsprechende Vermittlungs- und Übersetzungsleistungen sowie regelmäßige Austausch- und Abstimmungsprozesse erforderlich.

Technikakzeptanz und Technikkompetenz

In der Aus-, Fort- und Weiterbildung in der Pflege oder der sozialen Arbeit wird nach wie vor wenig Wert auf die Vermittlung von Technikkompetenzen gelegt. [16] Auch das Themenfeld AAL wird unzureichend aufgegriffen. Gerade Pflegefachkräfte oder Sozialarbeiter*innen müssen jedoch in die Entwicklung und Implementierung von AAL-Technologien einbezogen werden, da sie wichtige Wissensträger sind, die als Multiplikatoren für neue Technologien fungieren. Technnikkompetenz und -akzeptanz sind für die erfolgreiche Implementierung und nachhaltige Nutzung technischer Neuerungen dabei eine grundlegende Voraussetzung [4]. Zudem wird bislang unzureichend berücksichtigt, dass Beschäftigte (z.B. in Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen) und Angehörige mit den neuen Technologien umgehen müssen und dies unmittelbare Auswirkungen auf deren Arbeitsorganisation und Qualifikationsanforderungen hat. Der hektische Pflegealltag lässt Pflegenden kaum Zeit, sich mit technischen Assistenzsystemen auseinanderzusetzen, weshalb Vorteile nicht erkannt werden und solchen Systemen eher ablehnend begegnet wird. [17]

Einer Versichertenbefragung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung aus dem Jahre 2019 zufolge waren 62% skeptisch gegenüber der Videosprechstunde - was bei vielen älteren Befragten durchaus auf mangelnde technische Ausstattung zurückzuführen ist.[18] Technikbarrieren und Netzwerkbarrieren sind also auch immer wieder miteinander verschränkt.

Gesetzliche Rahmenbedingungen

Bei Menschen mit Beeinträchtigungen bzw. Behinderungen als Anwender von AAL-Systemen kann die Frage der Finanzierung von AAL eine Marktbarierre sein. Nach dem Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen der Vereinten Nationen (UN-Behindertenrechtskonvention) haben aber die Vertragsstaaten u.a. die Pflicht, Forschung und Entwicklung für neue Technologien, die für Menschen mit Behinderungen geeignet sind, einschließlich Informations- und Kommunikationstechnologien, Mobilitätshilfen, Geräten und unterstützenden Technologien, zu betreiben oder zu fördern sowie ihre Verfügbarkeit und Nutzung zu fördern und dabei Technologien zu erschwinglichen Kosten den Vorrang zu geben[19], und sie müssen den Zugang von Menschen mit Behinderungen zu hochwertigen Mobilitätshilfen, Geräten, unterstützenden Technologien und menschlicher und tierischer Hilfe sowie Mittelspersonen erleichtern, auch durch deren Bereitstellung zu erschwinglichen Kosten[20]. Die UN-Behindertenrechtkonvention wurde von Österreich im September 2008, von Deutschland im Februar 2009 und von der Schweiz im April 2014 ratifiziert und gilt seitdem als Grundlage für die jeweilige nationale Gesetzgebung bzw. Ausgestaltung der Rechte von Menschen mit Behinderungen.

Einzelnachweise

  1. AAL country report of Finland, cited in: Gui, N., H. Sun, V. de Florio, and C. Blondia. 2007. “A Service-Oriented Infrastructure for Mutual Assistance Community.” In 2007 IEEE International Symposium on a World of Wireless, Mobile and Multimedia Networks, 1–6. https://doi.org/10.1109/WOWMOM.2007.4351678; n.p.
  2. Doukas, Charalampos, Vangelis Metsis, Eric Becker, Zhengyi Le, Fillia Makedon, and Ilias Maglogiannis. 2011. “Digital Cities of the Future: Extending @home Assistive Technologies for the Elderly and the Disabled.” Telematics and Informatics, Digital Cities, 28 (3): 176–90. https://doi.org/10.1016/j.tele.2010.08.001; p. 181
  3. Sun, Hong, Vincenzo De Florio, Ning Gui, and Chris Blondia. 2010. “The Missing Ones: Key Ingredients towards Effective Ambient Assisted Living Systems.” Journal of Ambient Intelligence and Smart Environments 2 (2): 109–20. https://doi.org/10.3233/AIS-2010-0062; n.p.
  4. 4,0 4,1 4,2 4,3 Kehl, C. (2018). Robotik und assistive Neurotechnologien in der Pflege - gesellschaftliche Herausforderungen: Vertiefung des Projekts "Mensch-Maschine-Entgrenzungen". TAB-Arbeitsbericht(177)
  5. 5,0 5,1 Hallewell Haslwanter, J. & Fitzpatrick, G. (2018). The Development of Assistive Systems to Support Older People: Issues that Affect Success in Practice. Technologies, 6(1), 2. https://doi.org/10.3390/technologies6010002.
  6. Fehlig, P. & Dassen, T. (2017). Retrospektive und prospektive Deutung technischer Innovationen in Pflegeheimen: eine qualitative Studie. Pflegewissenschaft, 19(9/10), 417–426.
  7. Künemund, H. (2015). Chancen und Herausforderungen assistiver Technik. Nutzerbedarfe und Technikakzeptanz im Alter. TATuP Zeitschrift für Technikfolgenabschätzung in Theorie und Praxis, 24(2), 28–35. https://doi.org/10.14512/tatup.24.2.28
  8. 8,0 8,1 Kucharski, A. & Merkel, S. (2018). Partizipative Technikentwicklung von Gerontotechnologie: Gerontechnologie: Ansätze für mehr Akzeptanz in der Zielgruppe (06/2018). http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0176-201806016.
  9. Lassen, A. J., Bønnelycke, J. & Otto, L. (2015). Innovating for ‘active ageing’ in a public–private innovation partnership: Creating doable problems and alignment. Technological Forecasting and Social Change, 93, 10–18. https://doi.org/10.1016/j.techfore.2014.01.006.
  10. Geyer, A. & Good, B. (2016). Evaluierung der Österreichischen Beteiligung am Ambient Assisted Living Joint Program (AAL JP 2008–2013): Endbericht. Vienna, Austria.
  11. AAL Austria - Arbeitskreis "AAL Bedürfnisartikulation" (2017). Ergebnisbericht des Arbeitskreises "AAL Bedürfnisartikulation": Über den Umgang mit Stakeholder-Bedürfnissen in AAL-Projekten. AAL Austria.
  12. Hallewell Haslwanter, J. D., Neureiter, K. & Garschall, M. (2020). User-centered design in AAL. Universal Access in the Information Society, 19(1), 57–67. https://doi.org/10.1007/s10209-018-0626-4.
  13. AAL Austria - Arbeitskreis "AAL Bedürfnisartikulation" (2017). Ergebnisbericht des Arbeitskreises "AAL Bedürfnisartikulation": Über den Umgang mit Stakeholder-Bedürfnissen in AAL-Projekten. AAL Austria.
  14. Endter, C. (2017). Assistiert altern. Die Entwicklung eines Sturzsensors im Kontext von Ambient Assisted Living. In P. Biniok & E. Lettkemann (Hg.), Assistive Gesellschaft (Bd. 93, S. 167–181). Springer Fachmedien Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-13720-5_8.
  15. Röhlig, Andreas (2018): Interdisziplinäre Zusammenarbeit im Verbundprojekt: Herausforderungen und kritische Faktoren einer erfolgreichen Forschungskooperation, HWWI Research Paper, No. 181, Hamburgisches WeltWirtschaftsInstitut (HWWI), Hamburg.
  16. Fehling, P., & Dassen, T. (2017). Motive und Hürden bei der Etablierung technischer Assistenzsysteme in Pflegeheimen: Eine qualitative Studie. Klinische Pflegeforschung, 2017(3), 61–71.
  17. Fehling, P., & Dassen, T. (2017). Motive und Hürden bei der Etablierung technischer Assistenzsysteme in Pflegeheimen: Eine qualitative Studie. Klinische Pflegeforschung, 2017(3), 61–71.
  18. Videosprechstunde wird skeptisch gesehen. HNO Nachrichten 49, 8 (2019). https://doi.org/10.1007/s00060-019-5982-z
  19. Vereinte Nationen. (2006). Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. New York: Vereinte Nationen. https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/20122488/201509040000/0.109.pdf, Artikel 4, Absatz 1, Buchstabe g
  20. Vereinte Nationen. (2006). Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. New York: Vereinte Nationen. https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/20122488/201509040000/0.109.pdf, Artikel 20, Buchstabe b