Menschen mit dauerhafter Beeinträchtigung

Aus Living Lab AAL
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Ob aus einer gesundheitlichen Beeinträchtigung eine Behinderung wird, hängt stark von der Umwelt und der sozialen Lage eines Menschen ab. Denn Werte und Normen einer Gesellschaft bestimmen, wann ein Verhalten oder ein körperliches Merkmal von der „Normalität“ abweicht. Auch die Erklärungen, wie eine solche Abweichung zu Stande kommt, unterscheiden sich von Kultur zu Kultur und haben Folgen für den Umgang mit behinderten Menschen.

Definition durch die International Classification of Functioning, Disability and Health

Wenn man über Behinderung im interkulturellen Kontext spricht, stellt sich stets das Problem einer Definition. Mit der internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (International Classification of Functioning, Disability and Health, ICF) hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits 2001 versucht, eine einheitliche Sprache sowie einen universellen konzeptionellen Rahmen für Funktionsfähigkeit und Behinderung zu schaffen. Mit Hilfe der ICF sollen zum einen auf individueller Ebene Körperfunktionen und –strukturen, also die physiologischen und psychologischen Funktionen von Körpersystemen sowie die anatomischen Teile des Körpers wie Gliedmaßen und Organe erfasst werden. Zum anderen kann anhand der ICF kategorisiert werden, inwieweit ein Mensch mit Beeinträchtigungen in der Lage ist, an allen ihm wichtigen Lebensbereichen teilzuhaben.

Ursprünge der Beeinträchtigungen

Es wird zwischen Umwelt- und personenbezogenen Einflüssen unterschieden. Umweltfaktoren beschreiben die materielle, soziale und einstellungsbezogene Umwelt, die als Barriere oder Unterstützung für eine Person mit einem Gesundheitsproblem wirken kann. Dazu zählen etwa Kommunikation unterstützende Technologien, Vermögen, Familienstrukturen oder gesellschaftliche Einstellungen. Mit personenbezogenen Faktoren werden Geschlecht, Alter oder sozioökonomischer Status berücksichtigt.

Auswirkungen des Kontexts

Behinderung ist kein universelles oder naturgegebenes Phänomen. Ein Merkmal, das in der ICF der WHO als Schädigung oder Funktionseinschränkung klassifiziert wird, muss nicht zu einer Behinderung führen. Die Auswirkungen einer Beeinträchtigung sind in hohem Maße von der Umwelt und der sozialen Lage einer Person abhängig. Im Hinblick auf kulturelle Unterschiede im Verständnis von Behinderung spielen die in einer Gesellschaft vorherrschenden Werte und Normen sowie Weltanschauungen und Strukturen eine entscheidende Rolle:

  • Welche Eigenschaften gelten in einer Gesellschaft als erwünscht, welche Fähigkeiten als wichtig?
  • Welche Merkmale muss ein Mensch mitbringen, um als vollwertiges Mitglied gesehen und behandelt zu werden?
  • Wie ist das Verständnis von „Normalität“ und was wird als Ursache einer Abweichung davon gesehen?

Eng verknüpft damit sind die Erklärungen für Gesundheit und Krankheit sowie die Möglichkeiten für Menschen, die behandelt oder unterstützt werden müssen. Welche Reaktionen auf eine bestimmte Form der Abweichung folgen, ist in hohem Maße abhängig davon, wie diese erklärt und welche Ursache dafür angenommen wird. Annahmen über die Entstehung einer Beeinträchtigung sind oft eng verknüpft mit Annahmen über die Entstehung von Krankheit. Auch die Lebensrealität von Menschen mit Behinderung war und ist hierdurch vielfach geprägt. Beispielhaft dafür stehen Betreuungs- und Unterstützungsangebote in Form karitativer Aktivitäten und Einrichtungen, die im Sinne der christlichen Nächstenliebe geführt werden. Sie sind nicht zuletzt deshalb in die Kritik geraten, weil Menschen mit Behinderung eher als passive Empfänger denn als handelnde Individuen wahrgenommen wurden. Hier schließt der menschenrechtsbasierte Ansatz im Hinblick auf Behinderung an.

Das Verständnis von Behinderung und die Lebens- und Teilhabemöglichkeiten von Menschen mit bestimmten Merkmalen variieren nicht nur zwischen verschiedenen Kulturen, sondern auch innerhalb von Kulturen. Eine Rolle spielen unter anderem das Alter und das Geschlecht der jeweiligen Person und der Zeitpunkt, an dem die Behinderung eingetreten ist. Auch die soziale Stellung und die Sozialstruktur der Familie sowie ihre finanzielle Situation wirken sich stark aus. Beides hat großen Einfluss darauf, wie eine Person mit einer Beeinträchtigung unterstützt werden kann und welche Bedeutung die Behinderung eines Familienmitglieds für die gesamte Familie hat. Dies wird besonders deutlich, wenn es darum geht, finanzielle oder personelle Ressourcen für die Behandlung, Unterstützung oder Pflege eines Familienmitglieds bereitzustellen.

Bias der "westlichen Kultur"

Obwohl die ICF den Anspruch hat, eine international einheitliche Klassifikation bereit zu stellen, ist sie von einem „westlich“ orientierten Verständnis von Gesundheit und Krankheit geprägt. Mit der ICF können sie jedoch nicht erfasst werden, da die sich ausschließlich auf biologisch-physiologische Kategorien stützt. Auch wenn auf internationaler Ebene eine „gemeinsame Sprache“ sinnvoll erscheint, sollte doch bewusst sein, dass die Innenperspektive einer Kultur auf Abweichung und Normalität, auf Krankheit und Gesundheit sowie auf Behinderung und Teilhabe von unserem „westlichen“ Verständnis stark abweichen kann. Um dem Phänomen der Behinderung in anderen Kulturen auf die Spur zu kommen, sollten wir uns stets unserer eigenen kulturellen Prägung bewusst sein.

Nicht zuletzt die seit Mai 2008 gültige Konvention der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderung ist ein Zeichen für den Wandel im Verständnis von Behinderung. Sie kennzeichnet einen Prozess, der über die Entwicklung des Verständnisses von Behinderung als soziales Konstrukt hinausgeht und eine Chancengleichheit für Menschen mit Behinderung erreichen soll.

Einzelnachweise