Marktbarrieren

Aus Living Lab AAL
Wechseln zu: Navigation, Suche

Marktbarrieren bezeichnen Hürden der AAL-Anwendung aus der Perspektive von Anbieter*innen von AAL-Systemen. Zu Marktbarrieren werden Hürden gezählt, die die Bekanntmachung und Beratung, Lieferung und Installation sowie Vetrieb, Verkauf und Unterhalt von AAL-Anwendungen betreffen. Die breite Vermarktung von AAL-Systemen ist gegenwärtig insbesondere dadurch erschwert, dass der Markt noch jung und kaum ausgebildet ist, dass potenzielle Kund*innen wenig über AAL-Produkte wissen und dass die Investitionen für den Markteintritt vergleichsweise hoch sind. Nach wie vor gibt es keine zukunftsfähigen Geschäftsmodelle.[1]

Die Vermarktung von AAL-Produkten ist äusserst schwierig aufgrund ungünstiger Marktbedingungen

Dass die Vermarktung von AAL-Produkten so schwierig ist, liegt einerseits in einem Markt begründet, der noch jung und kaum ausgebildet ist.[2] Das bringt vergleichsweise hohe Investitionen für den Markteintritt mit sich. Es fehlt zudem an wissenschaftlichen Erkenntnissen zu den Erfolgsfaktoren für die Markteinführung von AAL-Produkten.[2] Mit einem unausgereiften Markt geht zudem einher, dass Unklarheiten über die Zuständigkeiten der Vertriebskanäle herrscht (Kreidenweis 2018). Das sind alles andere als ideale Marktbedingungen. Allerdings sehen sich in der Gesundheitsbranche viele Herstellerinnen und Dienstleister damit konfrontiert. Für AAL-Produkte zusätzlich erschwerend kommt hinzu, dass AAL-Systeme nicht in die Regelversorgung integriert sind (Müller-Mielitz & Lux 2017). Aktuell wären bestehende Versorgungssysteme auch gar noch nicht ausreichend für die Intergration von AAL-Produkten vorbereitet. So fehlt es beispielsweise an Technikkompetenz in der Pflege.

Die Vermarktung von AAL-Produkten ist äusserst schwierig, weil sie sich an eine stigmatisierte Zielgruppe und unerfreuliche Lebensereignisse richten

AAL-Produkte zu vermarkten ist ein heikles Unterfangen und deutlich erschwert, weil sie das zu vermarktende Produkt unerwünschte Zugehörigkeit sowie unerfreuliche Lebensumstände ansprechen. Dementsprechend sind primäre End User, d.h. Menschen mit Unterstützungsbedarf, kaum über AAL-Produkte informiert und wenn sie informiert sind, haben sie oft grosse Vorbehalte gegenüber AAL-Produkten. Ein wichtiger Grund für die Zurückhaltung bei primären Endnutzenden ist die Tatsache, dass es sich bei AAL-Systemen um Produkte handelt, die auf eine Lebenssituation zugeschnitten sind, die sich niemand wünscht: Wenn man für unbestimmte Zeit oder dauerhaft zur Bewältigung des Alltags auf Unterstützung angewiesen ist, mit anderen Worten: das Leben in Abhängigkeit. Aus Sicht der Endnutzenden ist daher der Kauf eines AAL-Produktes verknüpft mit schwierigen biografischen Wendungen und in der Regel kein erfreuliches Ereignis.

Ferner ist die Zielgruppe ältere Menschen generell gesellschaftlich benachteiligt (Ageism). Das führt dazu, dass Personen grosse Zurückhaltung ausüben, sich zur Zielgruppe zu zählen. Dies wird besonders deutlich, wenn Teilnehmende einer Usability Studie, die als zur Zielgruppe gehörend rekrutiert wurden, abschliessend festhalten, dass ein Produkt zwar im Prinzip ganz nützlich, aber dennoch nichts für sie ist.[3]

Selbst der Begriff Active and Assisted Living (AAL) stellt ein Hindernis dar, denn er ist für Endnutzende zu abstrakt, zudem fremdsprachig und stigmatisierend.[2] Sämtliche Benutzerbarrieren, insbesondere fehlende Zahlungsbereitschaft und/oder Kaufkraft sowie fehlende Benutzerfreundlichkeit führen zudem dazu, dass die Zielgruppe für Unternehmen schwer erreichbar ist.

Die professionelle Pflege hat grosse Vorbehalte gegenüber AAL-Systemen

Aber nicht nur primäre End User, sondern auch Hilfs- und Fachkräfte in der Pflege und Heimleitungen hegen grosse Vorbehalte gegenüber dem Einsatz von AAL-Systemen. Laut Fehling & Dassen (2017) sind die Vorbehalte der professionellen Pflege gar grösser als diejenigen von direkt Betroffenen und ihren Angehörigen.[4] Die Zurückhaltung von Heimleitungen, AAL-Systeme einzusetzen, speist sich aus folgenden drei Vorbehalten:[4]

  • moralische Bedenken,
  • Zumutbarkeit für ältere Mitarbeiter*innen und
  • Kosten.

Das nötige Investment für Markteintritt wird als zu hoch empfunden, denn...

... die Anforderungen an die Produkte sind äusserst komplex So erwarten z.B. Anwender*innen in der Pflege (sekundäre Endnutzende), dass AAL-Systeme Risiken nicht nur erkennen, sondern prophylaktisch Massnahmen vorschlagen/ergreifen (Fehling & Dassen 2017). ... der Gesundheitsmarkt ist hochgradig reguliert ... die gesetzlichen Rahmenbedingungen bezüglich des Umgangs mit Daten sind unsicher ... eine Skalierung ist aufwändig/nicht möglich, weil das Produkt an nationale Gesetzgebungen angepasst werden muss ... die finanziellen Rahmenbedingungen sind unsicher ... es fehlen evidenz-basierte Nachweise des Nutzens und der Wirkung ... für eine erfolgreiche Markteinführung müssen Nutzende qualifiziert und Technikkompetenzen ausgebaut werden


Kultur der Zusammenarbeit fehlt

Einzelnachweise

  1. Die Feststellung von Wichert et al. (2012) gilt auch heute noch. Wichert, Reiner, Francesco Furfari, Antonio Kung, und Mohammad Reza Tazari (2012): „How to overcome the market entrance barrier and achieve the market breakthrough in AAL“. In: Ambient Assisted Living: 5. AAL-Kongress 2012, Berlin, Germany, January, 24-25, 2012, herausgegeben von Reiner Wichert und Birgid Eberhardt, S. 349–358. Berlin, Heidelberg: Springer.
  2. 2,0 2,1 2,2 Kopp, Tobias; Schöchlin, Jürgen (2014): Der intelligente Hausschuh im blauen Ozean: Eine empirische Untersuchung zur Markteinführung eines innovativen altersgerechten Assistenzsystems. 1. Aufl. Bd. 10. Marketing, IT und social Media. Lohmar, Köln: Josef Eul Verlag.
  3. siehe z.B. Neven, Louis (2010): "'But obviously not for me': Robots, laboratories and defiant identity of elder test users". In: Sociology of Health & Illness, 32(2): 335-347.
  4. 4,0 4,1 Fehling, Patrick; Dassen, Theo (2017): Motive und Hürden bei der Etablierung technischer Assistenzsysteme in Pflegeheimen: Eine qualitative Studie. In: Klinische Pflegeforschung 3: 61-71.