Innovation

Aus Living Lab AAL
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Von Innovation spricht man allgemein dann, wenn ein neues Produkt oder eine neue Dienstleistung erfolgreich in der Praxis angewendet wird und den Markt durchdringt. Auch bereits bestehende Produkte die weiterentwickelt, optimiert oder neuartig integriert werden sind innovativ indem ein Mehrwert generiert wird.

Die Besonderheiten des Gesundsheits- und Pflegewesens sind vielschichtig, wobei die Notwendigkeit unterschiedliche Systeme zusammenzuführen im Vordergrund steht, um eine sektorenübergreifende Versorgung und eine präventive Gesundheitsförderung (statt lediglich reaktiver Maßnahmen) zu ermöglichen. Wertschöpfungsketten sind tendenziell komplexer und es bedarf der Kollaboration einer Vielfalt unterschiedlicher Akteure, als auch Transparenz und einen regen Wissens- und Datenfluss in offenen Ökosystemen. Mehr als in anderen Branchen ist es darüber hinaus wichtig in erster Stelle Lösungen für und mit den potentiellen Anwendern zu gestalten.

Im AAL-Bereich handelt es sich meist um innovative digitale Lösungen, die Menschen mit Beeinträchtigungen zugutekommen. Wenn Organisationen ihren Innovationsprozess für andere öffnen, verspricht man sich eine Vergrößerung des Innovationspotenzials. Diese Öffnung des Innovationsprozessses wird als “Open Innovation” bezeichnet[1] und kann in verschiedene Richtungen erfolgen. Im Quadruple Helix Innovationsmodell erfolgt sie zwischen Hochschulen, Industrie, Regierung und Zivilgesellschaft.

Quadruple Helix Innovationsmodell

In diesem Modell wird jede Sphäre durch einen Kreis (Helix) dargestellt, wobei die Überlappung Interaktionen zeigt.[2] Hiernach werden Innovationen durch die Interaktion bzw. Beziehungen zwischen folgenden vier Sphären erzeugt:

Forschung und Lehre

Mit ihren Arbeiten zeigen Hochschulen und andere Forschungseinrichtungen den Regierungen nicht nur die Herausforderungen des demografischen Wandels auf, sondern entwickeln auch Lösungen zur Bewältigung dieser Herausforderungen. Oft werden auch AAL-Technologien aus der Industrie und AAL-Dienstleistungen wissenschaftlich evaluiert und Verbesserungspotentiale aufgezeigt. Spinoffs von Hochschulen tragen ganz wesentlich zu einem Ausbau des AAL-Marktes bei. Living Labs geben den Hochschulen die Möglichkeit, die Öffentlichkeit bzw. Gesellschaft in die Forschung und Entwicklung einzubinden. Hochschulen haben eine besondere Verantwortung für die Gesellschaft, in deren Auftrag sie lehren und forschen. [3]

Politik und Regierung

Die Förderpolitik gibt den Regierungen verschiedene Instrumente in die Hand, um in der Ausrichtung der Hochschulforschung im AAL-Bereich mitzureden. Es sind nicht nur die thematischen Förderprogramme (z.B. BMBF-Verbundprojekte in Deutschland, benefit-Programm in Österreich, Nationale Forschungsprogramme in der Schweiz), sondern auch die Leistungsvereinbarungen zwischen Regierungen und Hochschulen, welche diese Zusammenarbeit festigen. Finanzielle Förderungen für altersgerechtes Bauen kommt sowohl der Öffentlichkeit als auch der Industrie zu Gute. Darüber hinaus treiben Regierungen weitere Entwicklungen voran, indem sie das regulatorische Umfeld ändern, steuerliche Anreize setzen oder öffentliches Risikokapital zur Verfügung stellen. Politik und Regierung zählt zu den tertiären Endanwender*innen.

Wirtschaft und Industrie

Sie siedelt sich gerne in der Nähe von Hochschulen an (z.B. Technologieparks, Innovation Hubs) und beteiligt sich an vielen Forschungs- und Entwicklungsprojekten der Hochschulen im AAL-Bereich oder erteilt Forschungs- und Entwicklungsaufträge an Hochschulen. Das Ergebnis sind neue AAL-Lösungen die von Wirtschaft und Industrie verwertet werden. Damit können nicht nur Arbeitsplätze im Pflege- und Betreuungsbereich attraktiver gestaltet werden, sondern es werden auch neue Arbeitsplätze im Produktionsbereich geschaffen. Den Regierungen kommt das sowohl in der Arbeitspolitik als auch in der Sozial- und Gesundheitspolitik zu gute. Wirtschaft und Industrie zählt zu den sekundären Endanwender*innen.

Öffentlichkeit und Gesellschaft

Die gesellschaftliche Relevanz von Forschung und Lehre ist ein wichtiges Entscheidungskriterium für die inhaltliche Ausrichtung an Hochschulen. Insofern bestimmt auch der demografische Wandel in der Gesellschaft ganz wesentlich deren Arbeit. Die Politik muss sich diesen Herausforderungen stellen, zu denen auch die Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme (Rente, Pflege, Krankenversicherung) zählt. Die Gesellschaft stellt ferner die Nachfragen auf dem Absatzmarkt und die Belegschaft für Unternehmen. Unternehmen müssen sich auf eine Veränderung ihres Absatzmarktes und ihrer Belegschaftsstruktur einstellen.

Open Innovation

Megatrends wie Digitalisierung und der demographische Wandel bedürfen, und mehr noch: ermöglichen neue Formen der Zusammenarbeit. Diese Trends fordern geradezu den Paradigmenwechsel von geschlossenen hin zu offenen Innovationsprozessen. Neue und notwendige soziale und technische Innovationen entstehen in kollaborativen und transsektoralen Wertschöpfungsnetzwerken oder in so genannten „open innovation“ Ökosystemen.

Im AAL-Bereich ist Open Innovation ein neues Paradigma, das auf dem Quadruple-Helix-Modell basiert. Gemeinsam soll hier die Zukunft gestaltet und strukturelle Veränderungen vorangetrieben werden, die weit über das hinausgehen, was einzelne Organisationen oder Personen im Alleingang bewältigen könnten. Außerdem müssen für eine holistische Lösung idealerweise auch Rechts- und Regulierungsbedingungen in Betracht gezogen werden. Hierfür sind beispielsweise vom Bundesministerium für Wirtschaft geförderte Reallabore ein zeitlich und räumlich begrenzter Experimentierraum, in dem Innovationen und damit einhergehende rechtliche, regulatorische und andere notwendige Rahmenbedingungen zur Verfügung gestellt werden, um unter realen Bedingungen wichtige Erkenntnisse für die Weiterentwicklung und schließlich Implementierung zu gewinnen.

Für Unternehmen ist Kollaboration zunehmend ein wichtiger Bestandteil der Strategie, und speziell wenn dies zu einer neuen Dienstleistung oder einem optimierten Produkt führt, sind Unternehmen zunehmend bereit ihr geistiges Eigentum (eng. Intellectual Property, IP) mit anderen Akteuren in der Innovationskette zu teilen. Wissen und Know-how ist nicht mehr auf Labors beschränkt, und kleine und mittelständige Unternehmen können relevante Finanzierung erhalten, die mit den umfangreichen Ressourcen eines Großunternehmens nicht konkurrieren konnten. Unternehmen können auf verschiedene Weise von Open Innovation profitieren: 1) spart Zeit, Mühe und Geld, 2) erweitert den Spielraum für potenzielle Entwicklungen, und 3) ermöglicht den Zugang zu wertvollem Know-How anderer Bereiche in der Wertschöpfungskette. Und mehr noch: Open Innovation fördert die Zusammenarbeit mit Lieferanten, Wettbewerbern und anderen Akteuren, um den Nutzen für den Kunden bzw. Anwender zu verbessern.

Innovationsprozess

Der Innovationsprozess beschreibt die Weiterentwicklung einer Idee zu einem marktreifen Produkt. Ideen können in unterschiedlichen Kontexten entstehen, sei es im Labor an der Universität oder in einem partizipativen Ideenfindungsprozess beispielsweise auf kommunaler Ebene. Im nächsten Schritt muss die Idee in einen Prototypen verwandelt werden, der dann bestenfalls in wissenschaftlich unterstützten Experimenten iterativ weiterentwickelt wird. Fundierte Nutzungs- und Akzeptanzanalysen testen und validieren die Nutzung und der tatsächliche Nutzen neuer Produkten, Prozesse oder Dienstleistungen (bevorzugt über einen längeren Zeitraum) in der eigentlichen realen Umgebung im Alltag mit potentiellen Nutzern. Innovationen können organisationsintern generiert und entwickelt werden, jedoch werden im Gesundheits- und Pflegewesen Innovationsprozesse am besten in Wertschöpfungsökosystemen angestoßen bzw. weitergeführt. Kennzeichen von AAL-Technologien ist in der Regel eine hohe Komplexität, die sich aus der Bündelung von Einzelgeräten, Infrastruktur und Dienstleistungen ergibt.

Laut Mariana Mazzucato wird oft ein wichtiger Akteur im Innovationsprozess übersehen: die Regierung und die damit einhergehende Innovationspolitik. Innovationen tendieren dazu risikobehaftet zu sein, und benötigen deshalb die finanzielle Unterstützung des Staates mit ausreichend hohen Investments und koordinierten Förderprogrammen, um den Fortschritt effektiv voranzutreiben. Ein erfolgreiches Innovationsmanagement umfasst orchestrierte Förderinstrumente, entlang des gesamten Innovationsprozesses.

Eine neue Technologie in den Alltag zu integrieren bedeutet immer auch eine (möglicherweise große) Umstellung der Gewohnheiten, Rollen und Verantwortungen, das Personal muss sich an die neue Infrastruktur anpassen und umgekehrt. Dieser Prozess findet allerdings nicht einmalig sondern fortlaufend statt. Im Forschungskontext soll besonders darauf geachtet werden, was sich zwischen zwei aufeinander folgenden Projekten verändert. [4]

Europäische Kohäsion

Während europäische Sozial-, Gesundheits- und Pflegesysteme weiterhin primär in den jeweiligen Säulen agieren, wird es immer notwendiger erweiterte Interaktionsräume und -formate zu schaffen.

Die Europäischen Innovationspartnerschaften (EIPs) wurden im Rahmen der Leitinitiative „Innovationsunion“ der Europa Horizont 2020 Strategie für intelligentes, integratives und nachhaltiges Wachstum eingeführt und sind eine Plattform für multidisziplinäre Netzwerk­bildung öffentlicher und privater Akteure. Die EIP AHA (active and healthy ageing) Partnerschaft verbindet eine Vielfalt relevanter Experten und Stakeholder auf europäischer Ebene mit dem Anspruch, u.a. Gesundheitssysteme europaweit zu stärken als auch die Kooperationen, den Austausch und das Voneinanderlernen zu erweitern. Dadurch wird Innovationsdynamik hergestellt und wichtige Impulse sowohl für die europäische und globale, als auch für das jeweilige regionale Gesundheitssystem gesetzt.

Das neue Rahmenprogramm Horizont Europe setzt auf drei Säulen (Excellent Science, Global Challenges and European Industrial Competitiveness und Innovative Europe) mit einem Schwerpunkt auf missionsorientierter Forschung und Innovation in Europa. Sogenannte „Missionen“ orientieren sich an den SDG (Social Development Goals) und den gesellschaftlichen Zielsetzungen der Europäischen Union, wobei hierfür eine transregionale Zusammenarbeit innerhalb der Europäischen Union fast eine Voraussetzung ist.

Einzelnachweise

  1. Chesbrough, H. W. (2003). Open innovation: The new imperative for creating and profiting from technology. Harvard Business Press.
  2. Carayannis, E. G., & Campbell, D. F. (2009). 'Mode 3'and'Quadruple Helix': toward a 21st century fractal innovation ecosystem. International journal of technology management, 46(3-4), 201-234.
  3. Banscherus, U. (2015). Von der gesellschaftlichen zur individuellen Verantwortung. Konzeptionelle Perspektiven auf Hochschulweiterbildung im Wandel der Zeit. Hochschule und Weiterbildung, (2), 15-19.
  4. Spilker, H.S., Norby, M.K. Understanding the Role of Technology in Care: the Implementation of GPS-Technology in Dementia Treatment. Ageing Int 44, 283–299 (2019). https://doi.org/10.1007/s12126-018-9340-z