Beratung zu technischen Hilfen

Aus Living Lab AAL
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Allgemeine Situation

In Deutschland gibt es eine breite Beratungslandschaft für ältere und pflegebedürftige Personen und deren Angehörige. Seit 2009 wurden bundesweit über 550 sogenannte Pflegestützpunkte eingerichtet, deren Berater*innen unter anderem über die Themen Wohnraumanpassung, finanzielle Leistungen der Pflegekasse oder Pflegeeinrichtungen kostenlos und neutral informieren [1]. Zudem bieten viele Wohlfahrtsverbände und gemeinnützige Vereine Wohnberatungen vor Ort oder über ihre Internetseiten an. Einen Zusammenschluss von Wohnberatungsstellen in Deutschland bildet die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungsanpassung e.V., die zum einen den Ausbau entsprechender Beratungsangebote fördert und zum anderen Schulungen für verschiedene Zielgruppen anbietet [2]. Die Online-Wohnberatung des Vereins Barrierefrei Leben e.V. bietet neben Informationen zur barrierefreien Wohnraumgestaltung auch einen virtuellen Bad-Planer sowie Hersteller- und Produktinformationen und eine Adressenliste mit Fachbetrieben für barrierefreies Bauen [3]. Wer sich gezielt über die von den Kranken- und Pflegekassen finanziell bezuschussten Hilfsmittel informieren möchte, dem bietet das Hilfsmittelverzeichnis des Verbandes der Krankenkassen einen guten Überblick. Hierbei können die Produkte nach den verschiedenen Anwendungsfällen gefiltert oder direkt über eine Suchfunktion recherchiert werden. Für jedes Produkt erhält man eine Beschreibung und Informationen zur entsprechenden Indikation sowie eine Liste mit verschiedenen Herstellern [4].

In Österreich gibt es ebenfalls verschiedene Möglichkeiten, sich über Hilfsmittel beraten zu lassen. In Vorarlberg gibt es Beratungsangebote durch das Case- und Caremanagement, zudem erhält man Informationen durch Anbieter von Betreutem Wohnen, mobilen Hilfsdiensten sowie Hauskrankenpflege.

Best-Practice-Beispiele

Kommunale Beratungsstellen

Im Rahmen eines vom Bundesministerium geförderten Projekts entstanden in Deutschland seit 2014 22 kommunale Beratungsstellen mit dem Schwerpunkt „besser leben im Alter durch Technik“. Ziel dieser Einrichtungen ist die Verbesserung des Wissenstransfers zu technischen Assistenzsystemen für ein möglichst selbstständiges Leben im Alter oder bei Einschränkungen. Zusätzlich wurde die Datenbank „Wegweiser Alter und Technik“ aufgebaut, die alle – auf dem deutschen Markt erhältlichen – technischen Assistenzsysteme abbildet und zusätzlich Preis- und Installationshinweise zu den Produkten gibt [5]. Nach Ende der Projektlaufzeit konnten einige Beratungsstellen nicht mehr weitergeführt werden, jedoch konnte sich unter anderem das Seniorenbüro in Freiburg mit angegliederter Technikberatung etablieren. Ein weiteres Best-Practice-Beispiel in der Region stellt die „Beratungsstelle Alter und Technik“ in Villingen-Schwenningen dar, die seit 2011 im Landratsamt als Anlaufstelle für betroffene Bürger und Angehörige dient. Daran angegliedert ist auch eine mit technischen Assistenzsystemen ausgestattete Musterwohnung, in der man sich unverbindlich beraten lassen kann.

AAL-Musterwohnungen

In Deutschland entstehen vermehrt sogenannte „AAL-Musterwohnungen“, die einen Einblick in die technischen Möglichkeiten im häuslichen Umfeld geben. Sie werden von verschiedenen Einrichtungen betrieben, darunter Forschungs- und Hochschuleinrichtungen, Wohnungsbaugesellschaften, Verbände und Vereine. Betroffene und deren Angehörige können sich dort unverbindlich zu technischen und mechanischen Hilfsmitteln, Umbaumaßnahmen sowie zu möglichen Zuschüssen seitens der Pflegekasse informieren. Zum Teil können die Produkte auch direkt vor Ort erworben werden. In einigen Fällen werden die Wohnungsführungen auch von geschulten Ehrenamtlichen durchgeführt, wie beispielsweise das Projekt „Ehrenamt in der Waiblinger AAL-Musterwohnung“ zeigt, bei dem Seniorenräte und VdK-Mitglieder zu AAL-Lotsen geschult werden.

Das österreichische Forschungsprojekt „West-AAL“, das in den Regionen Tirol und Vorarlberg bis Mai 2017 durchgeführt wurde, befasst sich mit der Erprobung von AAL-Technologien in 70 Testhaushalten, darunter Einrichtungen des Betreuten Wohnens, barrierefreie Wohnanlagen sowie Privatwohnungen. Im Rahmen dieses Projekts wurden auch AAL-Musterwohnung für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht, die Musterwohnung in Innsbruck steht zudem für Führungen zu Verfügung.

An der Hochschule Kempten wurde das CoKeTT Test- und Trainingszentrum entwickelt, ein Living Lab, das zum Einen der Forschung neuer Technologien dient aber auch zum Anderen für interessierte Institutionen zur Verfügung steht, um sich über den Einsatz von Assistenztechnologienzu informieren.

Das Lebensphasenhaus der Universität Tübingen dient der Forschung und Weiterentwicklung von Technologien, dem Technologietransfer aus der Wissenschaft in die Praxis, sowie der Information von interssierten Personen. Regelmäßig finden öffentliche Besuchszeiten statt, während denen ehrenamtliche Senioren-Technik-Begleiter für die Beratung zur Verfügung stehen. Seit September 2020 ist hier auch das "LandesKompetenzZentrum Pflege & Digitalisierung Baden-Württemberg" angesiedelt.

(Online-) Produktkataloge

Neben dem bereits erwähnten „Wegweiser Alter und Technik“ bietet die Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes in Deutschland einen Online-Produktkatalog an, bei der die Suche nach einem geeigneten technischen Hilfsmittel durch die Filter Kategorie, Krankheitsbild, Preisspanne und Anwendungsgebiet verfeinert werden kann. Für jedes Produkt gibt es außerdem eine Beschreibung sowie Angaben zum Hersteller und zum Preis. Ein breites Spektrum an technischen und mechanischen Hilfsmitteln für verschiedene Lebensbereiche wird auf der Homepage REHADAT präsentiert. Betroffene Personen erhalten hier Auskunft zu Produkten, Preisen sowie zu den Herstellern. Auf europäischer Ebene haben sich sechs Anbieter von Hilfsmitteldatenbanken zu einem Netzwerk zusammengeschlossen, um einen möglichst umfassenden Überblick über in die in Europa verfügbaren Hilfsmittel für Menschen mit Einschränkungen zu geben. Für Menschen mit speziellen körperlichen oder kognitiven Einschränkungen gibt es gesonderte Produktkataloge. Für Menschen mit Demenz bietet beispielsweise der Demenz Support Stuttgart einen Online-Produktkatalog für technische Hilfen an. Zudem gibt es für Menschen mit Einschränkungen in der Kommunikation spezielle Produkte, wie zum Beispiel Augen- oder Computersteuerung, die bei Reha Media und Reha Vista vorgestellt werden und bezogen werden können.

Zu den Themen barrierefreies Bauen, Wohnen im Alter und Active and Assisted Living, bzw. Ambient Assisted Living (AAL) informiert zudem die österreichische Homepage www.gesundheit.gv.at, allerdings steht hier keine Auflistung technischer Produkte zu Verfügung. AAL Products, ein gemeinsames Projekt des Instituts für Strategisches Management, Marketing und Tourismus der Universität Innsbruck und des EURAC Bozen, stellt einen Online-Hilfsmittelkatalog zu Verfügung, bei dem Anbieter ihre Produkte platzieren und vorstellen können. Bei einer Produktsuche kann nach verschiedenen Einsatzbereichen, wie beispielsweise Gesundheit & Pflege, Wohnen & Gebäude oder Mobilität & Transport gegliedert werden, allerdings sind bei einigen Kategorien noch keine Produkte eingetragen.

Die Gesellschaft Alzheimer Schweiz bietet als unabhängige und gemeinnützige Organisation auf ihrer Homepage eine Übersicht zu verschiedenen Hilfsmitteln speziell für demente Menschen. Hier findet man beispielsweise Produkte zur zeitlichen Orientierung, Medikamentenerinnerung, Personenortung oder Mobilitätsunterstützung. Allerdings gibt es keine Produktbeschreibungen, sondern nur die Adressen der Hersteller. Ebenfalls lassen sich über diese Seite noch Broschüren zum Thema Wohnungsanpassung bei Demenz und Einsatz von Hilfsmitteln abrufen. Die Rheumaliga Schweiz bietet Betroffenen einen Produktkatalog zu verschiedenen Alltagshilfen. Auf der Seite des Sozialamts im Kanton Zug gibt es zudem eine Broschüre mit einer Übersicht zu einfachen Hilfsmitteln, die den Alltag im Alter erleichtern können.

Beratung durch Ehrenamtliche / Peer-Beratung

Neben den hauptamtlichen Pflegestützpunkten und Alter-und-Technik-Beratungsstellen gibt es in Deutschland auch einige Modellversuche mit ehrenamtlichen Berater*innen. Beim Sozialverband VdK Saarland e.V. beraten ehrenamtliche „AAL-Lotsen“ kostenlos und herstellerneutral zu den verschiedenen technischen Assistenzsystemen sowie zu den Herstellern und Finanzierungsmöglichkeiten. Im Rahmen eines Förderprojekts des Bundesministeriums wurden im Jahr 2014 weitere 17 Modellprojekte gefördert, die zur ehrenamtlichen Vermittlung von Technikwissen von Senioren für Senioren beitragen sollen. 367 sogenannte „Senioren-Technik-Botschafter“ – meist mit handwerklicher oder technischer Berufserfahrung – wurden geschult und informierten entweder bei Hausbesuchen oder in speziellen „Technik-Cafés“ interessierte Senior*innen über die Nutzung technischer Geräte im Haushalt und in der Umgebung [6].

Spezielle Beratungszentren durch Handel

Einige Sanitätshäuser haben in Deutschland in den letzten Jahren ihr Angebotsspektrum an die technische Entwicklung der Hilfsmittelversorgung angepasst. Das Sanitätshaus Carstens in Stuttgart bietet beispielsweise neben Hilfsmitteln und Orthopädietechnik auch eine umfassende Beratung zu Rollstühlen, Alltagshilfen, Ausstattung in Bad und WC sowie zu Mobilitätshilfen an. Zudem ermitteln sie den jeweiligen Pflege- und Hilfsmittelbedarf und beraten über häusliche und stationäre Pflegeangebote.

In Österreich gibt es ebenfalls Sanitäsfachhäuser, die über spezielle technische und mechanische Hilfen beraten. Zu den bekannten Anbietern gehören bständig, Luksche, der Hanusch - Ihr Haus der Gesundheit und Invacare. Invacare bietet zudem für Rehaberater Schulungen und Fortbildungen, beispielsweise zu den Themen Rollstühle, Hilfsmittelversorgung und Medizinprodukte an.

In der Schweiz bietet die Firma CareProduct AG einen Online-Katalog zu verschiedenen Hilfsmitteln sowie eine kostenlose Telefonberatung dazu an. Auf der Seite von MyHandicap findet man zusätzlich Informationen zu den Themen Smart Home, Ambient Assisted Living und unterstützte Kommunikation.

Beratungsangebote von der Sozialwirtschaft

Die technischen Entwicklungen im Pflege- und Gesundheitssektor haben auch Auswirkungen auf die Unternehmen der Sozialwirtschaft. So bieten beispielsweise Wohlfahrtsverbände in Deutschland seit einigen Jahren Hausnotrufsysteme und betreutes Wohnen – teilweise mit technischer Unterstützung – an. Ein besonderes Konzept hat beispielsweise die Evangelische Heimstiftung 2017 mit WohnenPLUS realisiert, bei dem Wohneinheiten mit AAL-Technologien und Dienstleistungen für Menschen mit Unterstützungsbedarf ausgestattet wurden. Zu diesen Systemen gehören zum Beispiel „automatische Licht- und Rolladensteuerung, eine automatische Herdabschaltung, Sturzsensoren oder ein moderner Hausnotruf“ [7]. Die Bewohner erhalten dazu eine ausführliche Beratung und Betreuung sowie einen auf sie zugeschnittenen Hilfemix. Viele Wohlfahrtsverbände bieten auch kostenlose Wohnberatungen an, die von geschulten haupt- und ehrenamtlichen Wohnberatern vor Ort durchgeführt werden. In Österreich und der Schweiz bietet das rote Kreuz ebenfalls den Hausnotruf als Dienstleistung an. In Vorarlberg bieten die Sozialdienste Götzis gGmbH neben Seniorenwohneinheiten auch kostenlose und unverbindliche Beratung zu Pflege- und Gesundheitsangeboten, finanziellen Unterstützungsmöglichkeiten sowie zu Entlastungsmöglichkeiten für Angehörige. Darüber hinaus erstellen sie individuelle Pflege- und Betreuungskonzepte und vermitteln gemeinsam mit Kooperationspartnern Hilfeleistungen. Für Hörgeschädigte gibt es ein spezielles Beratungszentrum, dass unter anderem auch zu technologischen Unterstützungen berät und diese vermittelt. In der Schweiz gibt es das Kompetenzzentrum für Hilfsmittel für Behinderte und Betagte SAHB, dessen Mitarbeiter unabhängig und kostenlos an acht Standorten oder daheim beraten. Die dauerhafte Ausstellung Exma VISION bietet zudem 600 Hilfsmittelprodukte zur kostenlosen Besichtigung und Probe.

Einzelnachweise

  1. Bundesministerium für Gesundheit (2017): Pflegestützpunkte. Online abrufbar unter https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/p/pflegestuetzpunkte.html (letzter Zugriff am 28.11.2017)
  2. Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnraumanpassung e.V. (o. J.): Homepage online abrufbar unter http://www.wohnungsanpassung-bag.de/ (letzter Zugriff am 28.11.2017)
  3. Barrierefrei Leben e.V. (o.J.): Homepage online abrufbar unter https://www.online-wohn-beratung.de/ (letzter Zugriff am 28.11.2017)
  4. GKV-Spitzenverband (o.J.): Homepage online abrufbar unter https://hilfsmittel.gkv-spitzenverband.de/hmvAnzeigen_input.action (letzter Zugriff am 28.11.2017)
  5. Bundesministerium für Bildung und Forschung (2015): Besser leben im Alter durch Technik. Kommunale Beratungsstellen – 22 Wege zur Umsetzung in Stadt und Land. Online abrufbar unter https://www.technik-zum-menschen-bringen.de/service/publikationen/besser-leben-im-alter-durch-technik (letzter Zugriff am 28.11.2017)
  6. Bundesministerium für Bildung und Forschung (2013): Senioren-Technik-Botschafter. Wissensvermittlung von Älteren an Ältere. Online abrufbar unter http://projekte.bagso.de/fileadmin/user_upload/redaktion/Senioren-Technik-Botschafter/PDFs/Broschuere_Senioren_Technik_Botschafter.pdf (letzter Zugriff am 29.11.2017)
  7. Evangelische Heimstiftung (2017): Grundsteinlegung für WohnenPLUS in Heidenheim - Evangelische Heimstiftung realisiert modernes Quartierskonzept an der Stadtwaage. Pressemitteilung vom 28.06.2017. Online verfügbar unter https://www.ev-heimstiftung.de/presse/pressemitteilungen/presse-detailansicht/?tx_news_pi1%5Bnews%5D=28&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=78797bc165a934751a84be1be8c5ac46 (letzter Zugriff am 30.11.2017)