Benutzerbarrieren

Aus Living Lab AAL
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Benutzerbarrieren sind Hindernisse oder Probleme aus der Perspektive einzelner Personen oder Personengruppen, welche die Nutzung von verfügbaren AAL-Lösungen erschweren oder für bestimmte Endnutzer*innen unmöglich machen. Im Fokus stehen hier die Barrieren der primären Endnutzer*innen von AAL-Lösungen.

Hier geht es spezifisch um Hürden in der Verwendung von AAL-Technologien von Menschen mit Assistenzbedarf (primary end user) und ihren Angehörigen (secondary end user). Menschen mit Assistenzbedarf begegnen in ihrem Alltag natürlich noch vielen weiteren Barrieren, jenseits der Nutzung digitaler Technologien; sie stehen hier aber nicht im Fokus.

Die hier präsentierte Systematik ordnet die in verschiedenen Studien, Berichten und Reviews identifizierten Barrieren thematisch und stellt auf diese Weise einen - beständig sich erweiternden - Forschungsstand dar. Die dargelegten Bereiche können dabei nicht als trennscharf oder unabhängig voneinander verstanden werden; sie überschneiden sich und sind miteinander verflochten.

Das hier gesammelte und geordnete Wissen dient als Wissensgrundlage und Kompendium, aber auch als Inspiration und zur Diskussion der empirischen Erkenntnisse.

Nutzen von Technologieeinsatz zuhause wird nicht gesehen

Die Wahrnehmung des Nutzens oder der Notwendigkeit des Einsatzes einer spezifischen Technologie kann sich stark unterscheiden. So kann z.B. der Nutzen bestimmter Technologien von End-Usern gar nicht wahrgenommen werden[1]. Hier können abstrakt vorstellbare Vorteile auf konkreter fassbare Bedenken treffen[2]. So sprechen potenzielle Nutzer*innen oft von hypothetischen Personen, wofür sie Technologie als sinnvoll erachten würden während sie für sich selbst keinen Bedarf sehen[3].

Der wahrgenommene Nutzen von Technologie kann sich mit gewissen Erfahrungen auch ändern, z.B. in Krisensituationen, nach kritischen Lebensereignisse wie Scheidung oder Tod des Partners oder Erfahrungen wie Freiwilligenhilfe[3][4].

Ebenso können Angehörige[2], gut informiertes Pflegepersonal[5] sowie Anlauf- und Beratungsstelle in der individuellen Nutzeneinschätzung eine wichtige Rolle spielen[6].

Die Effektivität[2] und das Funktionieren von Technik [7] kann auch infrage gestellt werden. Dieser Eindruck kann z.B. durch Fehlalarme[8][3], oder unerwünschte Geräusche[5]gestützt werden.

Auf der Entwicklerseite wird in der Literatur ein technologiezentriertes statt personenzentriertes Vorgehen kritisiert[9]. Dies zeigt sich auch an mangelhafter, nicht an den Nutzer*innen orientierten Kommunikation bei Erfassung von Anforderungen[10] und der Verwendung einer sehr technischen Sprache welche abschreckend wirken kann[11] oder durch die Integration übermässig vieler Funktionen welche potenzielle Nutzer*innen gar nicht benötigen[5].

Aufwand für den Einsatz der Technologie wird als (zu) hoch eingeschätzt

Eine neue Technologie bringt immer einen gewissen Aufwand mit sich. Kosten stellen dabei einen wichtigen Teil dar[2][7]. Diese können als unabschätzbar wahrgenommen werden, besonders wenn Wartungskosten anfallen und als unklar erscheint was alles angeschafft werden muss. Ebenso können mögliche Finanzierungshilfen unklar sein [6][12].

Kostenabwägungen kommen aber immer individuell zustande: Die Mittel zur Anschaffung sowie die Bereitschaft, Geld für Technik oder Unterstützung im Alltag auszugeben sind unterschiedlich ausgeprägt[7]. Die Zahlungsbereitschaft ist zudem gekoppelt an den wahrgenommenen Nutzen der Nutzen[8][1]. Diese ist insbesondere von Bedeutung wenn Nutzer*innen nicht die ganze Bandbreite an Funktionen von Geräten nutzen (wollen oder können)[5].

Zudem erfordert Technik Anpassungsleistungen und Lernprozesse[13]. Hier kann mangelndes technisches Wissen oder fehlendes Selbstvertrauen aufseiten der NutzerInnnen[14] oder die hohe Komplexität technischer Systeme, z.B. mehrere oder zu viele Geräte[14] eine Rolle spielen.

Angehörige werden an dieser Stelle wiederum als mögliche Hilfestellung bei der Aneignung von Technik genannt[15]. In der alltäglichen Nutzung kann Technik aber auch einen Mehraufwand für Nahestehende (z.B. pflegende Angehörige) und Nutzer*innen selbst bedeuten[8][1][2].

Anpassungsleistungen sind (zu) aufwändig oder unzureichend

Neue technische Möglichkeiten treffen immer auf bestehende sozial-technische Netzwerke und Alltagsroutinen. Im Prinzip stehen sie damit stets in Konkurrenz zu Alternativen wie z.B. Angehörigenpflege[2] oder simplerer Technik, wie z.B. Mobiltelefone[5].

Eine Integration neuer technischer Lösungen erfordert immer gewisse Anpassungsleistungen. Dabei kann die Befürchtung bestehen, dass mit neuer technischen Lösungen stark in bestehende Alltagsroutinen eingegriffen[1] und somit der soziale Raum des „Zuhauses“ Veränderungen unterzogen wird[16].

Aufseiten der Technikanbieter könnte dies dadurch bedingt sein, dass zu wenig auf individuelle Bedürfnisse und Anforderungen sowie Gegebenheiten der materiellen Wohnumgebung sowie der Alltagsroutinen, sozialen Beziehungen und Gesundheit/Krankheit[5] eingegangen werden kann[8][1].

Befürchtungen gegenüber dem Technologieeinsatz zuhause generell

Generelle Bedenken gegenüber „Technologie“ können ebenso eine Barriere darstellen, die der Adaption von AAL-Technologien im Wege stehen. Dabei spielt die Unterscheidung zwischen in den Alltag und Haushalt integrierte Technologie kritisch betrachteter “moderner Technologie” eine Rolle[14]. Technologie erscheint hier in einem negativen Licht und wird aufgrund mangelnder Integrierung in die Lebenswelt von potenziellen Nutzer*innen als störend wahrgenommen werden[15].

Dies besonders im sehr spezifischen Einsatzraum von AAL-Technologie - dem Zuhause - und damit Befürchtungen wonach dieser bedeutungsvolle Raum verändert werden könnte, indem die klare Abtrennung von innen-aussen, die Privatsphäre und damit die erlebte persönliche Freiheit innerhalb der eigenen vier Wände infrage gestellt wird[16][1]. Neben Bedenken bezüglich Datenschutz kann hier auch Angst vor Überwachung durch Angehörige eine Rolle spielen[16].

Zudem kann die Sichtbarkeit und die Visualität von Technologie kann als störend empfunden werden, z.B. durch Kabel oder sehr technisch aussehende Geräte[1][3] oder einer Ästhetik welche stark an Krankheit und Medizin erinnert[5]. Die entsprechende Erkennbarkeit von technischen Geräten als Medizintechnik (z.B. Sturzuhren) kann Stigmatisierung fördern[17].

Zudem kann die Angst von Vereinsamung als Barriere für die Adoption Technik wirken[16], z.B. insofern der Kontakt zum Pflegepersonal verloren geht[1].

Befürchtungen gegenüber dieser spezifischen Technologie

Spezifische Technologien treffen auf spezifische Bedenken: Barrieren welche der Nutzung einer spezifischen Technologie im Wege stehen sind unterschiedlich. Sie können über befürchtete Gesundheitsschäden[1][7] zu der Angst vor Abhängigkeit von Technik und einem Verlust an Selbstbestimmung und Würde[14][16] sowie einer damit einhergehenden Stigmatisierung (Steele 2009, p. 793) über Angst vor dem Eingriff in bestehende Alltagsroutinen [1] hin zu Befürchtungen vor Kontrollverlust über die Technik oder der eigenen Überforderung damit führen[2][7].

Technologie wird als unschön wahrgenommen (gefällt nicht)

Neben schwer fassbarem ästhetischem Empfinden gibt es Elemente wie die übermässige Sichtbarkeit von Kabeln oder Geräten (dies stört die Erscheinung der Person oder die Ästhetik der Wohnung)[5][1][3], der Erkenntlichkeit als Medizintechnik (am Körper oder in der Wohnung) und die Konnotierung mit Alter und/oder Krankheit[15][17] welche als Barrieren für die Adaption technischer Geräte funktionieren.

Technologie stellt (zu) hohe Ansprüche an Nutzende

Eine befürchtete oder tatsächlich gegebene Überforderung kann gerade bei älteren Nutzer*innen eine Rolle spielen. Nebst übermässig komplex gestalteten oder nur schwierig benutzbaren Geräten [14][5][7][2] kann hier auch die Angst von Nutzer*innen, bei der Anwendung Fehler zu machen[1][7] eine Rolle spielen. Geringes Selbstvertrauen, wenig bisherige Erfahrung mit der Nutzung im Umgang mit Technik, geringe Selbstwirksamkeitserwartung der möglichen Nutzer*innen[14] oder Einschränkungen durch Krankheit und Alter [1] können dazu beitragen, dass sich Nutzer*innen die Einarbeitung, Angewöhnung und Nutzung nicht zutrauen und sich der Technik nicht gewachsen fühlen.

Einzelnachweise

  1. 1,00 1,01 1,02 1,03 1,04 1,05 1,06 1,07 1,08 1,09 1,10 1,11 1,12 Jaschinski, Christina; Ben Allouch, Somaya (2015): ‘An Extended View on Benefits and Barriers of Ambient Assisted Living Solutions.’ In: International Journal on Advances in Life Sciences (2015) S. 44-46
  2. 2,0 2,1 2,2 2,3 2,4 2,5 2,6 2,7 Peek, S.; Wouters, E.; Van Hoost, Jost; Lujix, Katrien; Boeije, H; Vrijhoef H. (2014): ‘Factors influencing acceptance of technology for aging in place: a systematic review’. In: International Journal of Medical Informatics, 83, S. 235-248
  3. 3,0 3,1 3,2 3,3 3,4 Demiris, G.; Hensel, B.K.; Skubic, M.; Rantz, M. (2008): ‘Senior residents‘ perceived need of and preference for smart home sensor technologies’. In: Int J Technol. Assess. Health Care 24, S. 122
  4. Merkel, S.; Enste, P. (2016): ‘Technology acceptance and social inequalities’. In: Gerontechnology 2016 (15): S. 49
  5. 5,0 5,1 5,2 5,3 5,4 5,5 5,6 5,7 5,8 Van Hoof, J.; Kort, H. S. M.; Rutten, P. G. S. und Duijnstee, M. S. H. (2001): ‘Ageing-in-place with the use of ambient intelligence technology: Perspectives of older users.’ In: International journal of medical informatics, 80(5), S. 322-329
  6. 6,0 6,1 http://www.aal.at/wp-content/uploads/2016/02/AAL_Vision_%C3%96_Positionspapier_final_online_27042015.pdf, S. 34,39
  7. 7,0 7,1 7,2 7,3 7,4 7,5 7,6 Steele, R; Lo, A.; Secombe, C.; and Wong, Y. K. (2009): ‘Elderly persons’ perception and acceptance of using wireless sensor networks to assist healthcare’. In: International Journal of Medical Informatics, vol. 78 (12), p. 788-801
  8. 8,0 8,1 8,2 8,3 Kopp, Tobias; Schöchlin, Jürgen (2014): Der intelligente Hausschuh im blauen Ozean: Eine empirische Untersuchung zur Markteinführung eines innovativen altersgerechten Assistenzsystems. 10. 1st Ed. Lohmar - Köln: Josef Eul Verlag (= Marketing, IT und social Media), S. 47-48, 75, 77
  9. Queirós, Alexandra et al. (2015): ‘Usability, accessibility and ambient-assisted living: a systematic literature review’. In: Universal Access in the Information Society, 14 (2015), H. 1, S. 62
  10. Schmid, Andreas et al. (2012): ‘Analyse der Akzeptanzkriterien für mobile Anwendungen im Bereich Gesundheit in der Zielgruppe 50+.’ In: Technologiegestützte Dienstleistungsinnovation in der Gesundheitswirtschaft. Gabler Verlag, S. 60
  11. Panek, P.; Hlauschek, W.; Schrenk, M.; Werner, K.; Zagler, W.L. (2011): ‘Experiences from user centric engineering of ambient assisted living technologies in the living lab schwechat’. In: Proceedings of the 17th International Conference on Concurrent Enterprising (ICE), Aachen, Germany, 20–22 June 2011; S. 5
  12. Rashidi, Parisa; Mihailidis, Alex (2013): ‘A Survey on Ambient-Assisted Living Tools for Older Adults.’ In: IEEE Journal of Biomedical and Health Informatics, 17 (2013), H. 3, p. 579–590
  13. Memon, Mukhtiar et al. (2014): ‘Ambient Assisted Living Healthcare Frameworks, Platforms, Standards, and Quality Attributes.’ In: Sensors, 14 (2014), H. 3, p. 4321
  14. 14,0 14,1 14,2 14,3 14,4 14,5 Merkel, Sebastian (2016): ‘Technische Unterstützung für mehr Gesundheit und Lebensqualität im Alter: Herausforderungen und Chancen’. In: Forschung Aktuell, Institut Arbeit und Technik (IAT), Gelsenkirchen, (7), S. 8
  15. 15,0 15,1 15,2 Greenhalgh, T.; Wherton, J.; Sugarhood, P.; Hinder, S.; Procter, R. Stones, R. (2013): ‘What matters to older people with assisted living needs? A phenomenological analysis of the use and non-use of telehealth and telecare’. In: Social Science & Medicine, vol. 93, S. 87-88, 93
  16. 16,0 16,1 16,2 16,3 16,4 Mortenson, B.W.; Sixsmith, A.; Beringer, R. (2016): ‘No place like home? Surveillance and what home means in old age’. In: Can J Aging 35(1), p. 103–114
  17. 17,0 17,1 http://www.rwth-aachen.de/global/show_document.asp?id=aaaaaaaaaadbmjl, S. 15