Behinderung

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Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert "Behinderungen" als einen Überbegriff für körperliche Einschränkungen ("impairments"), Aktivitätseinschränkungen ("activity limitations") und Beeinträchtigungen der Partizipation ("participation restrictions")"[1]. Behinderung ist für die WHO somit ein komplexes Zusammenspiel zwischen den körperlichen Eigenschaften einer Person und den Eigenschaften der Gesellschaft, in welche sie eingebettet ist. Während dies eine heutzutage weit verbreitete Ansicht ist, ist die Deutungsmacht über den Begriff "Behinderung" auch heute noch umstritten. Verschiedene Konzeptualisierungen von Behinderung situieren diese entweder im Individuum (medizinisches Modell), in der Gesellschaft (soziales Modell) oder in der Beziehung zwischen Person und Umwelt (nordic relational model).

Das Medizinische Modell von Behinderung

Der Begriff des Medizinischen Modells von Behinderung wurde in der Mitte des 20. Jahrhunderts von Behindertenrechtsaktivist*innen in Abgrenzung zum Sozialen Modell von Behinderung geprägt. Das traditionelle Verständnis von Behinderung im medizinischen Modell fokussiert auf die individuelle körperliche, geistige, kognitive oder sensorische Einschränkung eines Menschen und sieht deren Behinderung in dieser begründet. Diese Sichtweise "reduce[s] the complex problems of disabled people to issues of medical prevention, cure or rehabilitation"[2]. Im gesellschaftlichen Diskurs ist diese Verortung von Behinderung im Individuum nach wie vor weit verbreitet. Im Behindertengleichstellungsgesetz(BehiG) der Schweiz ist der Begriff Mensch mit Behinderungen unter Artikel 2 so definiert: "[…]eine Person, der es eine voraussichtlich dauernde körperliche, geistige oder psychische Beeinträchtigung erschwert oder verunmöglicht, alltägliche Verrichtungen vorzunehmen, soziale Kontakte zu pflegen, sich fortzubewegen, sich aus- und weiterzubilden oder eine Erwerbstätigkeit auszuüben […]"[3]. Als Ursache der Behinderung wird also die körperliche (inklusive sensorische), geistige oder psychische Beeinträchtigung gesehen.

Das Soziale Modell von Behinderung

Das Konzept des Sozialen Modells von Behinderung wurde von Aktivist*innen der britischen Behindertenrechtsorganisation Union of Physically Impaired Against Segregation geprägt. Im Kern des Konzepts liegt die Unterscheidung zwischen Einschränkung ("Impairment") und Behinderung ("Disability"). Während sich ersteres auf körperliche Einschränkungen eines Indivduums (z.B. die Lähmung der unteren Extremitäten) bezieht, bezeichnet "Behinderung" einen Prozess des sozialen Ausschlusses, dem sich Menschen mit Einschränkungen gegenübersehen (z.B. die Unzugänglichkeit öffentlicher Verkehrsmittel oder Bauten für Rollstuhlfahrer*innen)[2].

Kritik am sozialen Modell von Behinderung

In neueren Publikation aus dem Bereich der Disability Studies wird das soziale Modell von Behinderung dahingehend kritisiert, dass die starke Fokussierung auf Behinderung als soziale Unterdrückung, welche für den politischen Einsatz für Behindertenrechte notwendig gewesen sei, den Blick auf die realen Auswirkungen körperlicher, geistiger, kognitiver oder sensorischer Einschränkungen auf die betroffenen Personen verstelle: «It sounds much better to say ‘people are disabled by society, not by their bodies’ than to say ‘people are disabled by society as well as by their bodies’. But the result is that impairment is completely bracketed […]»[4].

Die Dichotomie zwischen «biologisch» bedingten Einschränkungen und «sozial» konstruierten Behinderungen wird ebenfalls kritisiert. Was als »Einschränkung» gilt, ist aus dieser Sicht ebenfalls in einem sozialen und kulturellen Aushandlungsprozess konstruiert[5]. «The words we use and the discourses we deploy to represent impairment are socially and culturally determined. There is no pure or natural body, existing outside of discourse. Impairment is only ever viewed through the lens of disabling social relations.»[4].

Nordic Relational Model of Disability

In einigen nord-europäischen Ländern (Skandinavien sowie Island und Finnland) wurde in den 1960er Jahren ein eigenes Modell von Behinderung entwickelt, dass den politischen Umgang dieser Länder mit dem Thema Behinderung seither stark geprägt hat. Im Verständnis dieses Nordic Relational Model of Disability entsteht Behinderung dann, wenn eine Diskrepanz zwischen den Fähigkeiten (Capabilities) einer Person und den Anforderungen der Umwelt (functional demands) besteht (vergleichbar Lawton’s Konzept des Person-Environment Fit)[6]. In diesem «relationalen» Verständnis ist «Behinderung» ein Phänomen, welches in der Interaktion zwischen Person und Umgebung entsteht [7]

Einzelnachweise

  1. World Health Organization.(2001). International classification of Functioning, Disability and Health: ICF. Geneva: World Health Organization.
  2. 2,0 2,1 Shakespeare, T. (2010). The Social Model of Disability. In L.J.Davis, The Disability Studies Reader. (pp.266-273). New York: Routledge
  3. Bundesversammlung der Schweizerischen Eidgenossenschaft. (2002). Bundesgesetz über die Beseitigung von Benachteiligungen von Menschen mit Behinderungen. Verügbar unter: https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/20002658/index.html
  4. 4,0 4,1 Shakespeare, T., & Watson, N. (2002). The social model of disability: an outdated ideology? Research in Social Science and Disability, 2, 9-28
  5. Tremain, S. (1998). Feminist approaches to naturalizing disabled bodies or, does the social model of disablement rest upon a mistake? Paper presented at Annual Meeting of the Society for Disability Studies, Oakland, CA.
  6. Tøssebro, J.. 2004. “Introduction to the Special Issue: Understanding Disability.” Scandinavian Journal of Disability Research 6 (1): 3–7. doi:10.1080/15017410409512635
  7. Gustavsson, A. 2004. “The Role of Theory in Disability Research: Spring Board or Strait-Jacket.” Scandinavian Journal of Disability Research 6 (1): 55–70. doi:10.1080/15017410409512639.