Altersbilder

Aus Living Lab AAL
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Die Vorstellungen und Erwartungen, die Menschen vom Alter haben sind soziale Konstruktionen. Diese sogenannten „Altersbilder“ definiert Johanna Hildebrandt als „bildhaft vereinfachte Vorstellungen, Informationen und Meinungen über alte Menschen, die sich in einer Kultur zu einer bestimmten Zeit vorfinden“ [1]. Sie übermitteln auf gesellschaftlicher Ebene Ansichten und normative Vorstellungen, die in weiterer Folge die individuelle Wahrnehmung und das individuelle Wissen darüber, was als „richtiges“ und was als „falsches“ Handeln bezeichnet werden darf, bestimmen. Ganz konkret üben die Altersbilder auch einen Einfluss auf den Prozess des Alterns und auf die Lebenssituation alter Menschen aus. Sie stellen also neben soziodemografischen Faktoren eine weitere erklärende Variable für das Handeln und Tun alter Menschen dar.

Die Altersbilder müssen auf diskursiver Ebene auch kritisch hinterfragt und diskutiert werden, denn oft sind sie verallgemeinernd oder folgen einer bestimmten Ideologie. Außerdem differenzieren sie nicht zwischen sozialen Milieus und auch nicht zwischen den Geschlechtern. Sie können Handlungsspielräume alter Menschen beeinträchtigen und instrumentalisiert werden [2]. Letzteres geschieht oft, wenn bestimmte Interessen in der öffentlichen Debatte durchgesetzt werden sollen. Zum Beispiel beinhaltet die Vorstellung vom „aktiven und produktiven“ Altern die Implikation, dass man es auch kritisch sehen muss, wenn alte Menschen zu Versorgungsempfängern werden. Dadurch baut sich der Erwartungsdruck auf, dass alte Menschen selbst zu Ihrer Versorgung im Alter einen aktiven Beitrag leisten sollten. Da viele alte Menschen aber faktisch auf die Versorgung durch die Gesellschaft angewiesen sind, entsteht durch diesen Diskurs ein Machtgefälle. Es wird eine künstliche Hierarchie geschaffen, zwischen jenen, die selbst noch einen Beitrag zu ihrer Versorgung leisten können und jenen, die das nicht (mehr) tun. Dadurch entsteht die Gefahr der Ausgrenzung der „Nicht-Aktiven“ und „Nicht-Leistungsfähigen“, derjenigen, die nicht über das gesellschaftlich erforderliche Potential verfügen[3][4][5].

Es sollte jedoch niemals vergessen werden, dass Aktivitäten immer ressourcenabhängig sind [6][7]. Es ist auch anzunehmen, dass die Altersbilder einen Einfluss auf die Entscheidung darüber haben, wie ältere Menschen wohnen und leben wollen und ob sie dazu bereit sind AAL-Technologien einzusetzen (vgl. "Alter und Technik") [8].

Einzelnachweise

  1. Hildebrandt, J. (2012). Lebenswelten im Wohnkontext, in: Gabriele Kleiner (Hg.), Alter(n) bewegt. Perspektiven der sozialen Arbeit auf Lebenslagen und Lebenswelten (S. 15-21), Wiesbaden: Springer VS, S.15
  2. ebd., S.16
  3. vgl. Pack, R., Hand, C., Rudman, D. L., & Huot, S. (2019). Governing the ageing body: explicating the negotiation of ‘positive’ageing in daily life. Ageing & Society, 39(9), 2085-2108.
  4. vgl. Laliberte Rudman, D. (2005). Understanding Political Influences on Occupational Possibilities: An Analysis of Newspaper Constructions of Retirement, Journal of Occupational Science, 12(3), 149-160, DOI: 10.1080/14427591.2005.9686558
  5. vgl. Laliberte Rudman, D. (2006). Shaping the active, autonomous and responsible modern retiree: An analysis of discursive technologies and their links with neo-liberal political rationality. Ageing & Society, 26(2), 181-201
  6. ebd., S.21
  7. Kleiner, Gabriele (2012): Altern zwischen Partizipation und sozialer Ungleichheit, in: diess. (Hg.), Alter(n) bewegt. Perspektiven der sozialen Arbeit auf Lebenslagen und Lebenswelten (S.22-32), Wiesbaden: Springer VS, S.24
  8. Spangenberg, Lena, Glaesmer, Heide, Brähler, Elmar et al. (2013): Nachdenken über das Wohnen im Alter, Z Gerontol Geriat, 46(3), S.251-259., S.253