„Digital divide“

Aus Living Lab AAL
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Digital divide beschreibt die Unterschiede des Zugangs zu Informations- und Kommunikationsmedien zwischen Bevölkerungsgruppen. [1] Eine Ursache für die Unzugänglichkeit kann die fehlende Kompetenz in Bezug auf die Nutzung der Informations- und Kommunikationsmedien darstellen. Hiervon sind oft Menschen mit Einschränkungen betroffen, wie zum Beispiel ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen. Als Folge der fehlenden Medienkompetenz bleiben diesen Personen oftmals zahlreiche Ressourcen vorenthalten.[2]

Dieser "digital divide" kann zum Auschluss bestimmter Bevölkerungsgruppen führen, wenn er beim Prozess der Verschiebung allgemeiner Dienstleistungen in den Online-Bereich oder bei der Entwicklung und Implementierung von AAL-Produkten nicht berücksichtigt wird.

"Digital divide" und Alter

Neben sozio-ökologischen und sozio-ökonomischen Determinanten wird häufig das Alter selbst als ein Schlüsselfaktor erachtet, der die digitale Kluft und die Internetnutzung beeinflusst. Die Wahrscheinlichkeit, digitale Kommunikationstechnologien zu übernehmen, ist unter älteren Erwachsenen (65+) geringer wie zwischen jüngeren Altersgruppen [3]. Jedoch zeigen verschiedene Quellen, dass die Technologienutzung unter älteren Erwachsenen (65+) in den Industrieländern in den letzten zehn Jahren deutlich zugenommen hat [4] [5].

In einer deutschen Studie gaben jedoch lediglich 36% der 70-jährigen und älteren Befragten an, dass sie ihre eigenen Kenntnisse im Bereich digitaler Technologien, Anwendungen und Gefahren als eher gut bis sehr gut einschätzen [6]. Gemäss einer Umfrage des Bundesverbands deutscher Banken nutzen nur 23% ihrer 60jährigen und älteren Kunden Online-Banking (gegenüber 70% der unter 60jährigen9 [7].

In der Schweiz gaben im Jahre 2014 mehr als 97 % der unter 30-Jährigen an, das Internet zu nutzen. Bei den 70-Jährigen und älteren Menschen waren es jedoch nur 41% [8] In einer anderen Schweizer Studie im gleichen Jahr gaben 84% der 85-Jährigen und ältere Menschen an, das Internet überhaupt nicht zu nutzen [9]. In der gleichen Studie gaben nur 32% der 65jährigen und älteren Befragten an, ein Smartphone zu besitzen, bei den 85-jährigen und Älteren waren es unter 10%. Bezeichnend ist auch, dass das nicht ältere Menschen, sondern auch solche mit tieferem Haushaltseinkommen sowie tieferem Bildungsniveau signifikant seltener ein Smartphone besassen. Ähnliche, wenn auch weniger eindeutige Beziehungen zu Bildung und Einkommen zeigten sich bei der Internetnutzung[9]. Neben dem soziökonomischen besteht zudem ein Gender-Gap: Frauen sind in der Schweiz seltener online als Männer[10]. Der "digital divide" ist also nicht nur ein intergenerationelles Phänomen, sondern hängt mit verschiedenen anderen Faktoren zusammen.

Neves et al. (2018) merken an, dass die allgemeine Literatur dazu neigt, ältere Erwachsene in Bezug auf Techniknutzung zu homogen darzustellen. Sie fordern das Alter nicht als isolierte Variable zu untersuchen, sondern das komplexe Geflecht von personellen und strukturellen Faktoren aufzudecken, die die Übernahme und Nutzung von Technologie im späteren Leben beeinflussen [11]. Auch empirische Befunde zur Technikakzeptanz geben deutliche Hinweise darauf, „dass Technikakzeptanz erstens stark mit Erfahrungen im Umgang mit Technik korreliert, die wiederum Unterschiede zwischen den Geschlechtern und Geburtskohorten erzeugen, und zweitens Technik vor dem Hintergrund der Lebenslage und dem erwarteten Nutzen bewertet wird.“ [12]

"Digital divide" und Behinderung

Verschiedene Studien zur Techniknutzung von Personen mit kognitiven Einschränkungen haben gezeigt, dass letztere grössere Schwierigkeiten bei der Nutzung von Alltagstechnologien zeigen als Personen ohne kognitive Einschränkungen. Eine schwedische Studie zeigte, dass sowohl ältere Menschen mit Demenz als auch ältere Menschen mit Mild Cognitive Impairment (MCI) in signifikant grössere Schwierigkeiten beim Umgang mit Alltagstechnologien zeigten als ältere Menschen ohne bekannte kognitive Einschränkungen, wobei Personen mit Demenz signifikant grössere Schwierigkeiten zeigten als Personen mit Demenz [13]. Eine Studie mit Menschen mit einer erworbenen Hirnverletzung fand einen Zusammenhang zwischen der Schwere der kognitiven Behinderung und der Kompetenz bei der Nutzung von Alltagstechnologien [14].

"Digital divide" und soziökonomischer Status/Bildungsstatus

Verschieden Studien haben einen Zusammenhang zwischen Internetnutzung und Haushaltseinkommen und Bildungsstatus gezeigt [15][16]. Diese Disparität wird oft dadurch erklärt, dass Haushalte mit geringerem Einkommen grössere Schwierigkeiten haben, digitale Hardware und Infrastruktur zu finanzieren. Ein weiterer Einflussfaktor könnte die unterschiedliche Verfügbarkeit von Breitbandnetzen sein [16][17]. Ebenfalls eine Rolle spielt dabei ein Mangel an Digital literacy[15]

Die Autoren Ramsetty & Adams (2020) fassen die Gründe für eine digitale Kluft anhand der einschlägigen sozialen Determinanten der Gesundheit wie folgt zusammen [18]:

  • Bebaute Umgebung: Mangelnde Verfügbarkeit von Breitband-Internet in der Region; begrenzter Zugang zu kostenlosem öffentlichem Internet in Gemeinschaftsgebäuden wie Bibliotheken; Fehlende strukturelle Unterstützung / unsichere Wohnverhältnisse
  • Sozialer und gemeinschaftlicher Kontext: Gemeinsame oder kulturelle Erwartungen in Bezug auf die Nutzung digitaler Geräte, Telemedizin und Tele-Monitoring; Misstrauen gegenüber der Technologie und/oder der medizinischen Gemeinschaft.
  • Bildung: Lesekompetenz; unterschiedliche Grade von digitaler Kompetenz; inkonsistente oder nicht verfügbare Bildung in Bezug auf technologische Veränderungen.
  • Ökonomische Stabilität: Unfähigkeit, Geräte oder Upgrades zu kaufen; Erschwingliche Geräte können möglicherweise nicht mit den vorgeschlagenen Programmen zusammenarbeiten; Inkonsistenter Zugang zu Geräten aufgrund wirtschaftlicher Instabilität.
  • Gesundheitskompetenz und Zugang zum Gesundheitswesen: Auswahl von Technologien/Programmen, die stark an die Kostenerstattung gebunden sind; Gesundheitssysteme „*“werden wahrscheinlich fortschrittliche Technologien einsetzen, die die Fähigkeiten der Patienten übertreffen können; Komorbiditäten bei Patienten können die Fähigkeit zur effektiven Nutzung von Technologien beeinträchtigen.

Verschiedene Autoren betonen, dass strukturelle Ungleichheiten sich selbst verstärken und durch die unterschiedliche Verteilung von Technologien weiterhin zu Ungleichheiten in der Gesundheitsversorgung beitragen. [19] [20]

"Digital divide" und AAL-Technologien

Verschiedene Autoren haben bereits die Besorgnis geäußert, dass digitale Technologien die Kluft zwischen den Gruppen sowohl auf nationaler als auch auf globaler Ebene aufgrund anhaltender sozialer, wirtschaftlicher und politischer Faktoren vergrößern könnte [21], [22]. AAL-Technologien und Systeme sind nicht zwangsläufig aber in zunehmendem Maße digitalisiert [23]. Will man digitale AAL-Technologien möglichst vielen Menschen zugänglich machen und möglichst vielen Menschen eine digitale Teilhabe ermöglichen, gibt es gute Gründe vielfältige Prozesse anzustoßen, die dazu beitragen sollen, die digitale Kluft im späteren Leben zu schließen [11]. Dazu gehört eine Erhöhung der digitalen Kompetenz ebenso, wie ein konsistenter Zugang zu erschwinglichen Geräten und dem Internet. Die American Medical Informatics Association (AMIA) fordert beispielsweise 2017 den Zugang zu Breitband/ zum Internet als soziale Determinante der Gesundheit aufzunehmen und angesichts des Umfangs der Investitionen in vom Internet abhängige Gesundheitsinformationstechniken Anstrengungen zu unternehmen, um dieser wachsenden Ungleichheit entgegenzuwirken [24].

Einzelnachweise

  1. Hoffman, D. L.; Novak, T. P. (1998): Bridging the Racial Divide on the Internet. Science, 280(5362), 390 LP – 391. https://doi.org/10.1126/science.280.5362.390
  2. Friedhof, S.: Digitale Teilhabe als Grundvoraussetzung für partizipative Forschungsprozesse. In: Innovationscluster KongiHome der Universität Bielefeld: KongiHome - die mitdenkende Wohnung: Ergebnisse, Praxisbeispiele und Erfahrungen, 2017, 17–19.
  3. Rikard, R. V.; Berkowsky, R. W.; Cotten, S. R. (2018): Discontinued Information and Communication Technology Usage among Older Adults in Continuing Care Retirement Communities in the United States. Gerontology, 64(2), 188–200. https://doi.org/10.1159/000482017
  4. Eurostat (2016): Internet access and use statistics-households and individuals Statistics Explained More than four fifths of Europeans used the internet in 2016 Main statistical findings. Retrieved June 9, 2020, from http://ec.europa.eu/eurostat/statisticsexplained/
  5. Smith, A. (2014) Older Adults and Technology Use. New York: Pew Research Center.
  6. Stubbe, J., Schaat, S., & Ehrenberg-Silies, S. (2019). Digital souverän? Kompetenzen für ein selbstbestimmtes Leben im Alter. Gütersloh: Bertelsmann-Stiftung. doi: 10.11586/2019035
  7. Bankenverband. (2018). Online-Banking in Deutschland - Repräsentative Umfrageim Auftrag des Bundesverbands deutscher Banken. Retrieved from https://bankenverband.de/media/files/2018_06_19_Charts_OLB-final.pdf
  8. Bundesamt für Statistik. (2014). Informationsgesellschaft - Indikatoren. Retrieved from http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/16/04/key/approche_globale.ind icator.30103.301.html?open=308#308
  9. 9,0 9,1 Seifert, A., & Schelling, H.R. (2015). Digitale Senioren. Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) durch Menschen ab 65 Jahren in der Schweiz im Jahr 2015. Zürich: Pro Senectute.
  10. Bundesamt für Kommunikation (BAKOM). (2016). Aktionsplan e-Inklusion Schweiz 2016-2020; Informations-und Kommunikationstechnologien für eine integrative Gesellschaft.
  11. 11,0 11,1 Neves, B. B.; Waycott, J.; Malta, S. (2018): Old and afraid of new communication technologies? Reconceptualizing and contesting the ‘age-based digital divide.’ Journal of Sociology, 54(2), 236–248. https://doi.org/10.1177/1440783318766119
  12. Künemund, H. (2016): Wovon hängt die Nutzung technischer Assistenzsysteme ab? Expertise zum Siebten Altenbericht der Bundesregierung. Retrieved June 9, 2020, from https://www.siebter-altenbericht.de/fileadmin/altenbericht/pdf/Expertise_Kuenemund.pdf (Seite 17)
  13. Malinowsky, C., Almkvist, O., Kottorp, A., & Nygård, L. (2010). Ability to manage everyday technology: a comparison of persons with dementia or mild cognitive impairment and older adults without cognitive impairment. Disability and rehabilitation: Assistive technology, 5(6), 462-469.
  14. Kassberg, A. C., Malinowsky, C., Jacobsson, L., & Lund, M. L. (2013). Ability to manage everyday technology after acquired brain injury. Brain injury, 27(13-14), 1583-1588.
  15. 15,0 15,1 Pew Research Survey. (2015). Digital divides 2015. Verfügbar unter http://www.pewinternet.org/2015/09/22/digital-divides-2015/.
  16. 16,0 16,1 Connolly, M., Lee, C., & Tan, R. (2017). The digital divide and other economic considerations for network neutrality. Review of Industrial Organization, 50(4), 537-554.
  17. Greenstein, S., Peitz, M., Valletti, T. (2016). Net neutrality: A fast lane to understanding the trade-offs. NBER Working Paper Series. Working paper 21950.
  18. Ramsetty, A.; Adams, C. (2020): Impact of the digital divide in the age of COVID-19. OUP accepted manuscript. Journal of the American Medical Informatics Association. https://doi.org/10.1093/jamia/ocaa078
  19. Bodie, GD; Dutta, MJ (2008): Understanding health literacy for strategic health marketing: eHealth literacy, health disparities, and the digital divide. Health Market Q 25(1–2):175–203. https ://doi.org/10.1080/07359 68080 21263 01
  20. DiMaggio, P.; Hargittai, E.; Coral, C.; Shafer, S. (2004): Digital inequality: from unequal access to differentiated use: Literature Review and Agenda for Research on Digital Inequality. In: Neckerman KM (ed) Social inequality. Russell Sage, New York, NY, pp 355–400
  21. Ray Dorsey, E.; Topol, E. J. (2016): State of telehealth. New England Journal of Medicine, Vol. 375, pp. 154–161. https://doi.org/10.1056/NEJMra1601705
  22. Scott Kruse, C.; Karem, P.; Shifflett, K.; Vegi, L.; Ravi, K.; Brooks, M. (2018): Evaluating barriers to adopting telemedicine worldwide: A systematic review. Journal of Telemedicine and Telecare, Vol. 24, pp. 4–12. https://doi.org/10.1177/1357633X16674087
  23. Suden, W. (n.d.). Digitale Teilhabe im Alter: Aktivierung oder Diskriminierung? https://doi.org/10.1007/978¬3¬658¬29073¬3_9
  24. Perzynski, A. T.; Roach, M. J.; Shick, S.; Callahan, B.; Gunzler, D.; Cebul, R.; … Einstadter, D. (2017): Patient portals and broadband internet inequality. Journal of the American Medical Informatics Association, 24(5), 927–932. https://doi.org/10.1093/jamia/ocx020